Unterwegs im Land der Götter, auf der Suche nach Brahma Kamal.

Neu überarbeitet und veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe der Intertraditionalen Werkstätte „Der Tiegel“

„No Madam, all the way up there are landslides!“ Mit dieser wenig beruhigenden Antwort unseres Taxifahrers auf meine Frage hin, ob denn der Abschnitt der Straße hier gerade neu gebaut wird; ließ ich mich wieder in die Rückbank des kleinen PKWs zurücksinken, ein kurzes Stoßgebet gegen Himmel gerichtet, an Ganesha, den Überwinder der Hindernisse, er möge doch besser gleich einsteigen und mitkommen.

Es ist Anfang August, „heavy Monsun time“, wie der Inder sagt, und keine gute Zeit um in den Himalaya zu reisen.
Der Grund der Reise lässt jedoch wenig Spielraum. Brahma Kamal oder Vansembru (lat. Saussurea obvallata) blüht nur jetzt und am schönsten in den ersten beiden Augustwochen. Ab einer Höhe von ca. 3000m bis hinauf auf  ca.4500m und das nur an wenigen Plätzen  im Himalaya. Einer dieser Plätze ist in der Garhwal und Kumaon Region im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, dem „Land im Norden“. Dev bhum wird diese Gegend auch liebevoll genannt, die Wohnstätte der Götter.


Ein folkloristischer Videoclip mit berührendem Gesang untermalt und einer Geschichte, wo diese seltene und seltsame Pflanze die Hauptrolle spielt,  hatten mich circa 6 Monate zuvor so tief bewegt, dass ich mich angezogen von ihr auf den Weg machte, um sie zu besuchen.

Indien ist mir nicht fremd, Teile der Strecke kannte ich und war sie schon mit dem Motorrad gefahren, aber eben nicht in der Regenzeit.
Der gesamte Highway von Rishikesh nordostwärts führt entlang des Ganges und seiner Zuflüsse, vorbei an hinduistischen Pilgerstätten, den Prayag´s ( Zusammenflüsse), „Hochzeiten“ von bedeutenden Flüssen.

Wir hatten noch ungefähr 200 km vor uns. Asphalt war immer wieder zu sehen, aber generell fuhr man wie durch einen Steinbruch, zwischen herabgefallenen Felsen und Erdreich hindurch. Es kam  immer wieder zu Sperren und Anhaltungen, da ständig neue Erdmassen heruntergeschwemmt wurden. Wir trafen auf Reisende, die die Nacht im Auto zwischen zwei Murenabgängen eingesperrt verbracht hatten. Inder sind jedoch von Natur aus zäh und so waren sie gut gelaunt und sehr neugierig darüber, wohin wir zwei ausländischen Frauen zu dieser Zeit wohl unterwegs sein würden.

Wir hatten die Strecke in den geplanten 2 Tagen mit jeweils 12-15 Stunden Fahrzeit gemeistert. Ich muss jedoch zugeben, dass ich einige Male während der Fahrt an meinem Vorhaben heftig zu zweifeln begann. Immer wieder sahen wir Unfälle und Autowracks. Murenabgänge begleiteten uns bis zum Schluß.

Angekommen in Govind Ghat (1748m), trafen wir am Abend auf unsere indische Reisegruppe und die beiden Bergführer. Garhwalis sind eine sehr stolze Volksgruppe, sie haben ihre eigene Sprache und sind dafür bekannt, dass sie zäh und ausdauernd sind. Die indische Army rekrutiert sie gerne, besonders für den  Grenzschutz zum nahegelegenen China.

Früh am Morgen, es hatte gerade zu regnen begonnen – und dieser Regen sollte uns nun auch einige Tage lang treu begleiten – fuhren wir die letzten Kilometer in das Tal hinein bis Pulna, dorthin wo die Straße endet und unsere Wanderung begann.

Einen Tag lang, begleitet von Monsunregen, marschierten wir hinein in die Berge. Der Weg ist teilweise gut befestigt, manchmal aber rutschten und kletterten wir auf allen Vieren über weggespülte Pfade und heruntergebrochene Felsen.

14 km und ca. 1300 Höhenmeter hinauf nach Ghangaria (3072m). Goretex, Regenschutz und Co. werden auf eine harte Probe gestellt und bestehen den Materialtest nicht. Nässe von innen und von außen, wir waren vollständig durchweicht. Die Bergführer mit ihren Flip Flops und Regenschirmen schnitten da wesentlich besser ab.
Erst abends erreichten wir Ghangaria, den letzten Ort, bevor sich nur mehr der Himalaya mächtig und einsam vor uns ausbreitete. Unterkünfte gibt es zahlreich, aber es ist gleichzeitig die Saison für Sikh Pilger und ihr Heiligtum in den Bergen, Hemkund, ein heiliger See bzw. Tempel auf 4150 m.

Wir hatten ein Rooftop Zimmer, ganz oben, der Monsun tropfte auch hier von der Decke und das laute Rauschen des in diesem engen Tal vorbeiströmenden Flusses überdeckte alles.

Die Nacht ist wieder kurz, denn am nächsten Morgen geht es hinauf in das berühmte Valley of Flowers (3500m), das Tal der Blumen. Dort in diesem Hochgebirgstal gedeihen endemische Pflanzen. Frank Smythe „entdeckte“ 1931 diese große blühende Wiese als erster Europäer. Für die meisten in unserer Gruppe ist sie das Ziel ihrer Reise. Für mich und Vansembru nicht, denn dort kommt sie nicht vor. Ich muß höher hinauf, d.h. zuerst nach Hemkund zum Sikh Tempel und dann noch weiter. Denn hinter dem Tempel, auf einem Nordhang, dort soll sie gedeihen. Aber dorthin wird sie mich erst am folgenden Tag führen.
 
Am Abend zurück im Dorf, mußte ich meine Schuhe in die Trockenkammer geben. Eine lückenhafte Bretterbude, wo mit Hilfe von nassem Holz und Kerosin die Sachen mehr oder weniger trockengeräuchert wurden. Ich wollte aber nicht noch einen Tag mit Plastiksackerlsocken in den Schuhen wandern. Einige hatten bereits leichte Symptome der Höhenkrankheit. Ich als absolute Flachländerin nahm etwas spagyrische Marskraft zu mir und rüstete mich so für den nächsten Tag.

Da der Aufstieg lange und sehr zeitraubend sein soll, empfehlen die Garhwalis, sich von Mauleseln hinauftragen zu lassen. Die Tage sind zwar lang, aber wenn man zu langsam ist, nicht lange genug, und da mein Weg noch weiter hinauf führte, ließ ich mich gerne dazu überreden.

04.30 Uhr, es ist dunkel und es regnet immer noch, den Mars im Rucksack und einen wartenden Maulesel vor der Tür.  Da es kaum ausländische Touristen in dem Dorf gibt, meine Freundin aber auf offener Straße, mitten im Bazar, dem einzigen Punkt, der Satellitentelephonempfang hat, am Vorabend telefonierte, wussten nun alle, die es bis dahin noch nicht gewusst hatten, dass „Fremde“ vor Ort sind und was mein Vorhaben war. Ungeniert wurde das Telefonat verfolgt.

Deshalb hatte man wohl auch das willigste Tier im Dorf  ausgesucht und ihm zugeflüstert, dass es am Gelingen meiner Mission maßgeblich beteiligt ist. Sobald ich aufgesessen war, ganz ohne Zügel und Leithilfen dem Willen des Tieres ergeben, machte es sich sogleich, ohne Rücksicht auf Verluste, auf den Weg. Der vollautomatisierte Rennesel zockelte mit mir in die Finsternis hinaus, je steiler und enger der Pfad wurde, umso zielgerichteter war das Tier. Der „Mars“ in meinem Gepäck sprang wohl auf ihn über.

Immer wieder rief ich voraus, um wandernde Pilger aus ihren Mantrarezitationen zu holen und vor dem unnachgiebigen Tier zu warnen.  Es war trotz Regen ein Riesenspaß, die Pilger waren bester Stimmung und jeder wollte wissen, woher ich kam.

Mein Reittier stoppte vor dem einzigen Chaishop auf diesem Weg. Mit Tee und Paratha (gefüllte Fladen) die uns beide stärkten, ging es weiter bergauf.

Aus den tiefen Tälern stieg der Nebel langsam auf, der Regen ging in Nieseln über und irgendwann hörte er ganz auf. Dunst löste sich von Erde und Gestein, die Hüllen fielen, die Schleier lichteten sich und Verborgenes kam hervor.
Die Sicht klärte sich und es fielen plötzlich einzelne Sonnenstrahlen in diesen „Raum“.


Blauer Mohn dort und da und irgendetwas Helles, aufrecht Stehendes, dem Wetter Trotzendes, warf die Sonnenstrahlen als Reflexion zurück.
Brahma Kamal, Vansembru, da stand sie. Erhaben, den Kopf nach oben zum Himmel gerichtet. So ätherisch ihre Blüte (Hochblätter) einerseits erscheint, wirkt sie doch fast kolloidal schwebend, so breit und gut mit dem Boden verankert steht sie andererseits raumgreifend auf diesen Hängen. Mein Glück kaum fassend, staunend und tief bewegt, trug mich der Esel zu einem Stein wo ich abstieg. Vor mir, etwas tiefer gelegen, waren der See und sein Tempel.
Kurz besuchte ich beides, machte Darshan (göttliche Schau), lauschte dem Gesang der Sikh und war ziemlich high.

Man teilte mir mit, dass der Hang, der Nordhang, wo Brahma Kamal massig blüht, heilig sei. Eigentlich wird nicht gerne gesehen, wenn Pilger dort hinauf klettern. Inder hinterlassen gerne ihre Spuren in der Natur und sind oft wenig zurückhaltend im Umgang mit den Dingen.

Ich glaube, man hat mir mein Vorhaben, meine Intention angesehen, – ich wollte einfach nur diese bewundernswerte Pflanze besuchen, – und so kletterte ich zwischen Steinen, Wolken und Vansembru auf dem Nordhang herum. Was für eine Pflanze!

Die Sonne war nun ganz herausgekommen, nach über vier  Tagen Dauerregen, und langsam, aber nur sehr langsam, öffnete sie ihre hellen, mondsignierten Hochblätter. Diese sind so zart, dünnwandig und durchscheinend wie milchiges Glas. Die Sonnenstrahlen wurden zum größten Teil reflektiert, nur ganz leicht schien das Innere –  die eigentliche Blüte ist lila-violett – durch.
Wie der Sonnenfunken, der vom Mondspiegel erfasst wird und damit sein Erkennen hat.


Ich war ganz erstaunt über diese intensive Farbe und den eigenartigen Geruch. Medizinisch – aromatisch und ganz subtil. Man muss quasi zweimal riechen, um es wahrzunehmen.

Ich konnte zusehen, wie sich die hellen Hochblätter öffneten und das Innere frei gaben. Immer mehr Bienen kamen wie aus dem Nichts, als hätten sie nur darauf gewartet. Ein wirklich jovialer Reichtum in diesen Höhen!

Überwältigt sitze ich da, zwischen diesen Blumen, die Wolken fliegen über die Berggipfel hinweg und die Bienen summen. Ich bin jetzt irgendwo zwischen 4500 m und 4800 m, der Kopf ist auch etwas wolkig, die Höhe und die intensive Sonneneinstrahlung tun das Ihrige.
Darshan, Gottesschau, ist hier allgegenwärtig. Dankbar berühre ich mit meiner Stirn eine Blüte und in dieser Geste liegt eine große Demut dieser Schöpfung gegenüber. Mir kommt das Bild vom nachtblauen Himmel und seinen unzählig darin leuchtenden Sternen vor das innere Auge.

Menschen, lange vor mir, haben das wohl erkannt und dieser einsamen Pflanze einen kulturellen, mystischen und heilenden Raum in ihrer Geschichte gegeben. Indien, Nepal, Tibet, China, die Mongolei…große, starke Kulturen neigen ihr Haupt vor ihr. (So wie in diesem Video). Nicht zuletzt deshalb steht sie unter Schutz, und so habe ich nichts als meine Fotos und Erinnerungen von diesem Ort mitgenommen.

Zurück im Dorf und später unten im Tal und in der Stadt, war es nicht möglich getrocknete Pflanzenteile zu bekommen. Ein wohl gehüteter Schatz, für diejenigen, die ihn wirklich zur Gesundung benötigen.  Viel wird ihr nachgesagt, unter anderem heißt es, dass sie das Blatt eines Todgeweihten noch einmal wenden könne.

Brahma Kamal heißt übersetzt soviel wie „ Lotus of Lord Brahma“. Es gibt einige Erzählungen in den Puranas (indischen Schriften) darüber, dass sie sogar Götter wieder zum Leben erwecken kann.

Der Link zum Videoclip:

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4 Gedanken zu „Unterwegs im Land der Götter, auf der Suche nach Brahma Kamal.

  1. Sehr spannend geschrieben, liebe ‚
    Pflanzen – Schwester“, war , ob ich selbst in Indien dabei gewesen wäre……in deinem Herzen lebt diese Ehrfurcht und liebe für die Schöpfung und du siehst in jeder Blüte das Göttliche scheinen , das ist so unglaublich stärkend…..danke dass du deine Geschichten und Einsichten hier teilst……das kannst du wirklich gut !
    Bin schon ein Fan von dir geworden…:)
    Alles Liebe
    Buffa

  2. Liebe Magdalena!
    Ich kenne deine Geschichte ja schon und all die schönen Fotos dazu, aber es tut wirklich gut sie so schön geschrieben zu bekommen!
    Vielen Dank dafür
    Elisabeth

    1. Liebe Elisabeth!
      Es ist auch für mich wichtig, auf schöne Erlebnisse zurückgreifen zu können. Besonders leicht geht das, wenn ich davon erzählen kann, und mir jemand, so aufmerksam wie du, zuhört.
      Danke!
      Alles Liebe
      Magdalena

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