Philosophie

Der philosophische Tod, der Wandel und der Neubeginn

Es gibt Zeiten im Jahr und im Leben, wo man mehr über Leben und Tod nachdenkt. Ich bin ein Dezemberkind, und habe das Licht der Welt in der dunkelsten Zeit des Jahres erblickt. Das mag vielleicht auch ein Grund dafür sein, warum ich mir mit bereits 7 Jahren, ganz bewusst Gedanken zu diesem Thema gemacht habe. Diese Nachdenklichkeit ist mir wohl angeboren und soll heißen, dass ich diese Prägung als Teil meiner zu stoffgewordenen Idee wahrnehme.

Mag dieses Thema einerseits Unbehagen, vielleicht sogar Angst auslösen, so übt es doch auch eine gewisse Faszination aus.  Wir wollen hier über die Notwendigkeit des Sterbens einerseits und den künstlichen/künstlerischen, symbolischen, initiatischen Tod nachdenken.

Dieses Thema greift tief in das Verstehen unseres Daseins hinein. In den alten Kulturen wird es überall aufgegriffen, ja bildet sogar die wesentliche Basis eines naturgetreuen Lebens.
Der Tod, das Sterben, ist in der westlichen Gesellschaft ein Tabuthema und wird nicht nur negiert, sondern mit allen verfügbaren Mitteln, auf jede erdenkliche Art, behindert und verhindert.
Der Wille zum Leben ist jeder Daseinsform in die Wiege gelegt, und das ist auch richtig so. Alles andere wäre ein Zeichen von Krankheit.

Wo oder wie würde unsere Erde dastehen, wenn ein Großteil seiner Seelen keine Lust zu leben hätte? Die gänzliche Verneinung bzw. das Verleugnen des Sterbens, das nichts anderes als ein weiterer Schritt auf dem Weg vom Werden über das Vergehen darstellt, verstellt aber den Blick auf die wesentliche Wahrheit.

Und es ist die Art der Zeit, zu vergehen. Sobald etwas geboren und in unsere Welt hinein kommt, unterliegt es der Zeit.
Der Tod ist in unse
rer materiellen Welt die einzige Realität. (P. Hochmeier)

Aber gehen wir erst einmal zurück zur Geburt, um besser den Sinn des Todes zu verstehen. Was geschieht aus der Sicht der Natur, wenn sich etwas manifestieren will, wenn etwas geboren wird? Der Blick in die Hermetik lässt das sehr gut erklärt wissen:
Das Wasserelement ist Träger der Substanz, des neutralen Nährbodens. Über das Ätherelement, signiert durch die Wirkkräfte der astralen Körper, der Gestirne, bekommt diese Substanz eine Prägung.
Dieses Kräftebündeln wird zu einer kompakten, konkreten Idee und fällt auf diesen Nährboden. Diese noch körperlose Idee wird nun, durch Verdichtung und Zentrierung ausgelöst und unterstützt durch das Feuerelement, in die grobstoffliche Form gebracht.

Aus der bloßen Idee einer Eiche wird nun ihre materielle Ausdrucksform. Das darauffolgende Erdelement bildet dazu die Schwelle, welche die Idee überschreiten muss, um körperlich dazustehen. Saturn ist der Hüter dieser Schwelle und der Herr der Zeit.
Ist die Schwelle erst einmal überschritten, hat das Werden seinen Höhepunkt erreicht und der Weg des Vergehens beginnt. Die Geburt aus dem Erdelement heraus ist die körperliche Erscheinung, die Ausdrucksform, der zu anfangs hereingekommenen Idee. Soviel zur Stoffwerdung oder Geburt aus der hermetischen Betrachtung.

Sobald also etwas geboren ist, beginnt es zu vergehen. Der Weg weiter über das langsame Vergehen, das Reifen, das Auflösen ist der Weg wieder zurück über das Luftelement zum auflösenden Wasserelement. Alles wird wieder zu Wasser, der ursprünglichen Substanz zurückgeführt und findet damit seine Auf- bzw. Erlösung.

Jeder Stein, jedes Blatt, jeder Mensch und jedes Tier hat seinen eigenen Weg, seine eigene Geschichte und seine Individualität.
Die entsprungene Idee kommt aus dem unendlichen Raum des Äthers und kein Ei gleicht dem anderen dabei. Der Ursprung der Idee kommt aus der Einheit, die manifestierte Ausdrucksform ist das Herausfallen aus dieser und lässt ein Individuum entstehen, das sich nun von allem anderen abgrenzt.
Und jede Abgrenzung ist auch eine Begrenzung und hat ein Getrenntsein zur Folge.
Das eine kann nun nicht mehr etwas anderes sein. Die Freude des Daseins, des Darstellens, und des sich Heraushebens aus der neutralen Masse, zeigt das innewohnende Feuerelement einer Individualität.

Die ganze Mystik, die zugleich Nahrung für viele Philosophien und Religionskonzepte ist, ist auf diesem Trennungsschmerz aufgebaut.
Der Weg zurück in die Einheit, ins große Ganze, ist ihr Thema. Im Panta rhei wird versucht, dies bildlich über das Fliesen bzw. den Fluss selbst zu erklären. Alles fließt, alles ist in Bewegung. Ein Kommen und ein Gehen.

Die indischen Schriften haben viele Wege und Praktiken beschrieben, um das einsame Dasein des Individuums, das Ego, zu überwinden. Reinkarnation, Tod und Wiedergeburt, alles eine Antwort auf die Suche nach dem Weg zurück und dem darauffolgenden wieder Werden. Es ist der Wille zum Leben, der uns das Rad immer wieder neu drehen lässt. Der uns immer wieder zurück in den Fluss des Werdens und Vergehens steigen lässt.

Shiva persönlich vergisst, dass er aus der Einheit selbst heraus fiel und lebt als Mensch seine göttliche Gestalt vergessend. Erst der Weg zurück in diese Einheit, mit der Hilfe von Meditation, lässt ihn schlussendlich erkennen, wer er ist. Ganesha, der elefantenköpfige Gott, Shivas Sohn selbst, ist der Herr der Hindernisse, er legt sie uns in den Weg, hilft diese aber auch zu überwinden.

Jedes Problem trägt seine Lösung in sich. Jedes Werden mündet in seiner Er- bzw. Auflösung.

Initiatische Riten in anderen Kulturen spielen diesen Schwellengang, diesen Weg vom Werden ins Vergehen quasi nach. Das Bewusstmachen der Individualität und das gleichzeitige Erleben eines Todes im Leben soll die Essenz erkennen lassen.
Es ist das Thema des Sterben-Lernens im Leben, ein initiatisches Sterben und das verwandelte Wiedergeboren werden. Einerseits ist hier die Rede von einem natürlichen Tod, verursacht durch das Rad der Zeit, andererseits geht es aber auch um den philosophischen Tod, den initiatischen Tod, dem Sterben durch die künstlerische Hand des Menschen.

Kunstvolles Scheiden und Auflösen vom Körperlichen und gezieltes Zusammenfügen, wie es die Alchymiker machen, wird als philosophische Reinigung oder Tod bezeichnet.Die Pflanze oder das Mineral verlieren durch diesen künstlerischen Tod ihre materiell entstandene Ausdrucksform und zurück bleibt die zu Beginn aus der Einheit, aus dem Äther hereingekommene, klare Idee. Die Quintessenz.
Durch Schmelzen, Kochen, Destillieren, Veraschen und so weiter geht das jeweilige Ding durch diesen auflösenden Schwellenprozess.

Die Quintessenz steht der aus der Einheit gefallenen Idee am nächsten.

Durch diese Art von philosophischer Reinigung greift der Alchimist zurück auf das Essentielle, auf den ursprünglichen Beginn eines jeden Dinges. Auf ihre reinste Form.
Die gestaltlose, geistige Idee wurde somit von ihrer körperlichen Ausdrucksform befreit und wird durch weiteres Verarbeiten veredelt.

Nicht rechtzeitig geerntete Früchte oder Getreide würden nach dem Reifen faulen und ihren Daseinszweck somit erfüllt haben. Nimmt der Mensch zum Beispiel die Weintraube und verarbeitet sie durch Vergärung weiter zu Wein, oder mahlt er das Korn und verarbeitet das Mehl durch Backen weiter zu Brot, hat er durch diese veredelnde Verarbeitung eine Verwandlung in eine höhere Daseinsform initiiert.

Jeder Wandel setzt immer einen kleinen Tod voraus.

Schwere Krankheiten, Nahtoderfahrungen oder andere tiefe Erfahrungen bringen sehr oft eine Verwandlung mit sich. Ob durch gezielt ausgeführte Bearbeitungen vom Winzer, Bäcker oder Alchemisten oder aber natürlich auch dann, wenn die Natur selbst Hand anlegt. Verarbeitungen dieser Art, durch Hilfe eines initiatischen, philosophischen Todes, führen zu einer Verkürzung des sonst langen Weges, des über die Evolution beschrittenen Pfades.

Jede edle Verwandlung mehr lässt ein Ding, die Leiter nach oben, in ihrer Entwicklungsphase steigen. Je mehr Wiedergeburten eine Idee, eine Seele hat, so sagt die indische Tradition, desto vollendeter wird diese. Vorausgesetzt sie strebt dem Förderlichen zu.

Die Angst, das Unbehagen vor dem Unbekannten, dem Tod, kann man uns Menschen nicht ganz nehmen. Das Feuer, die Freude und Leidenschaft am Leben ist uns gegeben. Stillstand aber gibt es nicht, das alleine würde den Tod bedeuten.

Es gibt Düfte, die den Schwellengang, das Loslassen fördern, z.b. Jasmin und Lavendel.
Der Holunder ist der Schwellenhüter in unserer Kultur. Die Eibe mit ihren immergrünen Nadeln erinnert mit dieser Signatur an die Unendlichkeit und Unsterblichkeit der Seele. Die Weide, die am Wasser wächst, zeigt den Weg zurück ins Wasserelement, dort wo Auflösung geschieht.  Ein Blatt Tulsi (zum Weiterlesen)auf der Zunge, (Indische Basilikum), begleitet den Toten auf seine Reise.
Räuchern zu bestimmten Zeiten öffnet dem Lebenden einen Blick über die Schwelle in die Anderswelt.

Rituale mit psychodelischen, bewusstseinsveränderten Pflanzen, oft aus der Familie der Nachtschattengewächse (zum Weiterlesen) wie Alraune, Stechapfel, Bilsenkraut, Belladona usf., benützen Schamanen auch heute noch, um in diese Welt zu reisen, um ihre Vorfahren, ihre Ahnen zu treffen.
Der Sufi tanzt sich in Trance und kommt so in diesen freien Raum. Das Träumen selbst ist das Entsteigen der Seele, der Idee, aus dem körperlichen Zustand. Und Shiva, er sitzt auf seinem Berg und geht, nachdem er Charas, Hanf, geraucht hat, in tiefe Meditation und findet seinen Weg zurück zum Ursprung.

Verwandlung geschieht in jedem Moment unseres Daseins, in und außerhalb von uns.
Schwellen sind dazu da, um übertreten zu werden, kaum jemand hält davor an, ist doch der Blick durch die Tür auf das Neue frei und lockt uns immer von neuem.
Große Wandel, wenn z.b. Zeitalter, wie das jetzige Kali Yuga vor dieser Schwelle stehen, wollen nicht immer leichten Fußes darüber steigen, aber der Lauf der Zeit, der Weg der Natur ist vorbestimmt, für alles und jeden.
Ein Vergehen folgt unweigerlich auf das Werden. Daran führt kein Weg vorbei.

Das, was in dieser großen Weisheit steckt, schenkt uns, wenn wir es akzeptieren, unendliche Ruhe und Frieden.

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2 Gedanken zu „Der philosophische Tod, der Wandel und der Neubeginn

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