Unterwegs zu einer der seltsamsten, seltensten und einsamsten Pflanze des Himalayas!

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In einem Video zu einem Folkloresong über Bansenbruu, Saussurea obvallata, Hindi: Brahma Kamal habe ich das erste Mal diese seltsame Schönheit von einer Pflanze gesehen. Tief berührt hat mich dieses Bild einige Monate lang begleitet, bis ich dann nach viel hin und her den Entschluss fasste, dieser Pflanze bis in den Himalaya zu folgen.

Das genaue Ziel sollte das Dorf Ghangharia sein(Uttarakhand, Chamoli Distrikt), von wo aus es dann ein mehrstündiger Treck  ins Valley of Flowers       (UNESCO Biosphären Reservat), und  Hemkund Sahib (Pilgerstätte der Sikh) das gleichzeitig die Heimat von Brahma Kamal ist.

Es wäre ja nicht meine erste Reise in den Himalaya und weiß Gott nicht mein erster Besuch Indiens gewesen aber, notwendigerweise zu einer der unbequemsten Jahreszeiten, der Monsunzeit. Jedoch ist es gerade nur in der Regenzeit möglich die Blumen beim Blühen zu sehen. Ich war mir des Risikos und der Unannehmlichkeiten schon bewusst, und trotzdem hat mich dann der Zustand der Straßen sehr erschrocken. Ein guter Teil des Highways hinein in den Himalaya war mir bereits bekannt, aber das was ich da zu sehen bekam war für mich und meine Reisebegleitung, eine ebenso erfahrene Indienreisende, dann doch grenzwertig.
Die ganzen 300 km von Rishikesh  bis Joshimath waren ein einziger Muren Abgang. Oft nur einspurig befahrbar, mit Bergen von Geröll und Steinen die es zu befahren galt, gab es immer wieder ungewollte Stopps. Die Kunst bestand darin, nicht gerade dort zum Stehen zu kommen, wo im nächsten Moment der Hang zu rutschen begann. Der Fahrer hatte mehr den Blick hang Werts über uns gerichtet als auf die Straße. Ein Umdrehen wäre oft platzmäßig gar nicht möglich gewesen, d.h. es galt die Flucht nach vorne anzutreten.
Nach einer 9 h Fahrt, mit nur einer längeren Pause von 30 min, waren wir alle ziemlich k.o. Dennoch hatten wir Glück, denn am Tag vor und nach unserer Anreise, war die Strecke für mehrere Stunden gesperrt.

Am nächsten Morgen ging es dann schon früh per Jeep über Govindghat nach Pulna (1800m), dem letzten Ort, am Ende der Straße. Von dort aus hieß es dann zu Fuß nach Ghangharia  das auf 3049m liegt, zu wandern. Das war auch der Zeitpunkt, wo es zu regnen begann, und 3 Tage lang nicht mehr aufhören sollte.

Reisen kann man planen, bis ins letzte Detail, Ausrüstung kann man entsprechend einpacken, aber der Weg einer Reise zur Monsunzeit in den Himalaya bleibt ein unbeschriebenes Blatt!

Mit einem Garhwaligiude, einem echten Einheimischen dieser Region, und einigen Indern, ging es mit sorgfältig ausgewählter, europäischer Regenbekleidung 5-6h bergauf. Nach ca. zwei Stunden war nicht mehr aus zu machen ob wir mehr von innen heraus oder von außen hinein Nass wurden. Fest stand, der Regenschutz war nicht für Monsunregen gemacht.
Ghangharia ist ein nettes Örtchen das nur 4 Monate im Jahr bewohnt wird. Mit nur einer Straße wo rechts und links ein paar Restaurants und Übernachtungsmöglichkeiten sind, und am jeweiligen Ortseingang bzw. Ausgang  befinden sich die „Parkplätze“ für die Packtiere. Alles muss auf ihren Rücken hinauf und herunter getragen werden.

Telefonieren ist hier etwas öffentliches , da keine Handyverbindung möglich ist,  versucht man bei  einer bestimmten Stelle auf der Straße mitten im Dorf, begleitet vom Shop Besitzer, der sein Funktelefon und den Regenschirm hält und  gleichzeitig die gewünschte Nummer tippt, sein Glück. Beobachtet von Schaulustigen, muss man dann feststellen, dass gerade jetzt doch keine Verbindung zu Stande kommen
will, und wird auf später vertöstet.

Wir haben dann noch einen Versuch gestartet, und uns einen indischen Regenponcho gekauft. Mit Regenhose, Regenjacke und dem Poncho darüber, ging es dann am nächsten Morgen mit einigen indischen Touristen und bei anhaltendem Regen, ins Valley of Flowers.
Dieses Tal liegt auf ca. 3500m. Der Zugang geht über einen steilen und engen Pfad in ein botanisches Paradies. Seltene und zum Teil endemische Pflanzen wachsen in diesem abgeschiedenen Tal.

Meine Kollegin hatte beschlossen zu streiken, und so bin ich erst singend, dann schnaufend und triefend vor Nässe mit meinen neuen indischen Freunden gute 3 h bergauf gewandert.  Dann endlich, das Valley!! Die Blumen und ihre Besucher liesen wegen dem Regen die Köpfe etwas hängen, aber in dieser Höhe, ein solches Blumental  mit Wolken verhangen und vielen unzähligen kleinen und größeren Wasserfällen von den steilen Berghängen herabstürzend, zu erblicken, das hinterlässt einen bleibenden Eindruck!

Der Engländer Smyth, entdeckte diesen versteckten Fleck 1931. Mittlerweile gehört es zur UNESCO.  Früher wurde das Tal sanft beweidet, was den übermäßigen Wuchs von schnellwachsenden Pflanzen kontrollierte. Heute ist das beweiden verboten, und leider nimmt die Überwucherung immer mehr zu, sodass die kleinen, seltenen Pflanzen mehr und mehr verdrängt werden.

 

Der Regen wurde stärker, und auf dem Weg nach unten wurde aus diesem Weg ein Bächlein, später ein Bach, und ganz unten am Ende der Schlucht war der Fluss bereits so hoch, dass die kleine Wellblechbrücke fast schon unterspült war. Meine Schuhe waren trotz Goretex, ein mit Wasser aufgesogener Schwamm und wogen gefühlte 10 Kilo.
Es hatte rund 10 Grad, und ohne Sonne trocknet da kein Faden mehr.
Die Sachen konnten aber in eine Trockenkammer gebracht werden, die ich mir gleich mal anschauen ging. Ein Holzschuppen, zwei Blechkübeln mit Kohle darin, und es kann losgehen. Am Morgen bekam ich dann meine geräucherten, feuchten Sachen retour.

Mit Plasticksackerlsocken in den Schuhen ging es dann an diesem Tag zu einem nahegelegenem Wasserfall, und auch hier Blumen überall!!

Der 4. Tag sollte uns endlich nach Hemkund Sahib bringen. Einer Sikh-Pilgerstätte auf ca.4600 m mit einem großen Bergsee, und dem seltenem Gebiet wo Brahma Kamal zu finden sein sollte!

Es war auch der indische Nationaltag, und mit „Vande Matram“ wurde das immer wieder lauthals Kund getan.
Da der Aufstieg gute 5h und der Abstieg mindestens 4h dauern sollte, musste es sehr früh losgehen. Einige starteten schon um 4.30 Uhr!! Ich wollte es clever angehen, da ich so viel Zeit wie möglich für die Blumen haben wollte, beschloss ich ein Maultier zu nehmen.

Ich war ein Teil einer 8 Köpfigen Maultiergruppe mit lustigen Indern im Sattel. Mein Tier war das Erste, und ein geborenes Rennschwein. Ich überholte mehr oder weniger freiwillig, sämtliche Karawanen  bergauf, und war in weniger als 2,5h oben.
Bei der vorletzten Biegung kam nach 3 Tagen das erste Mal die Sonne langsam aus dem Dunst zum Vorschein. … und genau das war auch der Zeitpunkt wo ich die erste Brahma Kamal gesichtet habe. Was für ein Anblick, im aufsteigenden Dunst und im Gegenlicht der ersten Sonnenstrahlen!!  Was für eine wundersame Erscheinung, was für ein Hochgefühl!!

Oben angekommen, nach einer kurzen Tempelrund am See, stieg ich dann noch weiter die Felsigen Hänge bergauf, und dann endlich, ich kann die erste Blume anriechen, angreifen und bewundern.  Ein sehr spezieller, intensiver fast medizinischer Duft, die Deckblätter sind ganz durchscheinend, sie bilden eine Schutzhülle über die eigentliche Blüte im Inneren. Bienen klettern in diesen geschützten Raum und sammeln in diesem kurzen Sommer ihren Honig.

Viele, viele Fotos und von einer Blume zur nächsten, immer weiter bergauf, den Rucksack und die Wanderstöcke vergessend, habe ich mich dann zwischen den Pflanzen niedergelassen. Umgeben von hohen Berggipfeln, unzähligen Brahma Kamal.. und einem Himmel der immer blauer wurde.


Es ist diese besondere Lage dieses Bergrückens in südlicher Ausrichtung, geschützt von  hohen Bergwänden und einer Höhe von 4300 m, die diesen Platz zur Heimat von einer seltenen Spezies machen.  Da die Blume medizinisch und Kulturell seit je her genützt wird, und ihr Vorkommen kein üppiges ist, ist sie leider stark bedroht und deshalb geschützt.
Man kann den Bergbewohnern nicht verübeln, dass sie das Wenige was sie haben, nützen. Aber wo nicht mehr ist, da ist einfach nicht mehr zu finden. In der Mongolei gibt es auch Vorkommen, aber so üppig wie auf diesem Hang zu dieser Zeit, wohl nirgend wo sonst auf dieser Welt.

Mein Herz und meine Augen konnten sich kaum Sattsehen.  Die drohende Überflutung wegen Starkregens in der Folgenacht, und die lange halsbrecherische Rückfahrt über den desolaten Highway, all das steht im Schatten dieser wunderschönen Begegnung.
Es war eine Riskante und teilweise ungemütliche Reise. Nochmal würde ich das Ganze wohl nicht machen, jedoch gewisse Dinge macht man auch nur einmal im Leben!

 

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