Reisebericht

Kumbha Mela, ein gigantisches Treffen am Ganges

Dieses Mal möchte ich euch auf eine große Reise mitnehmen. Vor gar nicht allzu langer Zeit, als Reisen noch fast uneingeschränkt möglich war, (ohne mit einem QR-Code versehen, als gesund oder gefährlich abgestempelt zu werden), beschloss ich, gemeinsam mit Hari, meinem Partner, das größte spirituelle Fest der kommenden 120 Jahre zu besuchen. Wir machten uns auf nach Indien, zur Kumbha Mela in Allahabad.

Wenn ich heute darüber nachdenke, stehe ich dem Abenteuer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ein zweites Mal würde ich unser Glück wohl nicht so herausfordern. Aber die Erinnerungen und die Eindrücke davon versetzen mich immer noch in Verwunderung.

Es war nicht meine erste Kumbha Mela, ich hatte schon 3 Jahre zuvor eine kleine Mela in Haridwar besucht. Aber diese hier in Allahabad sollte alle Grenzen sprengen. Diese war wirklich riesig.
Ich spreche hier von 30 Millionen Menschen, die alleine am Hauptbadetag, gemeinsam mit mir in den Ganges eintauchten.

An dieser Stelle könnte ich jetzt von weiteren Fakten berichten; wieviele Kilometer an Strom und Wasserleitungen verlegt wurden, wieviele Erdlochklos gebaut wurden, usw. … aber das kann man gerne im Netz nachlesen. Die unten stehenden Links geben dazu einen guten Überblick.

https://www.themotherdivine.com/04/kumbhmelafacts.shtml
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4404264/

Ich möchte hier gerne von den Menschen berichten, den Geräuschen, dem Eintauchen in den Ganges und von den Grenzen des Vorstellbaren. Diese spezielle Kumbha Mela 2013 war nach astrologischen Berechnungen eine Super-Mela, weil erst  in 120 Jahren die Sterne wieder so günstig stehen sollten.


Sie begann Mitte Jänner und endete am 25. Februar, d.h. die Temperaturen sanken nach Sonnenuntergang auf unter +10 Grad, während tagsüber angenehme +20 Grad möglich waren.

Unsere Reise begann, wie für viele Inder auch, mit dem Zug von Delhi nach Allahabad. Schon Monate davor mussten wir einen Sitzplatz reservieren, und trotzdem war der Zug voll, voll bis unter das Dach und auch darüber.
Angekommen am Bahnhof habe ich nur wenig von diesem gesehen, Körper und Gepäckstücke bildeten eine sich bewegende Masse.
Im Freien, vor dem Eingang zum Bahnhof, lagen ein paar abgedeckte, leblose Körper, die wohl ihre letzte Reise angetreten hatten. Gerade rechtzeitig, um ihre Seelen vom ewig reinen Wasser des Ganges forttragen zu lassen. Viele heilige Männer und Frauen, Sadhus und Sadhvis, timen ihr Scheiden aus dieser Welt mit den Hauptbadetagen einer Kumbha Mela.

Generell dauert dieses Fest ca. ein Monat, und innerhalb dieses Monats gibt es dann noch ganz speziell günstige Tage, Hauptbadetage, wovon wiederum 3 „Main Snan“ herausstechen, wo die reinigende Kraft des Wassers noch stärker ist.

Es gibt 4 Orte in Indien wo eine Mela, es gibt Große (Maha Kumbh Mela) und Kleine (Ardha Kumbh Mela), stattfinden kann. Alle vier Jahre ist eine große, Maha Kumbh Mela, und das Ganze dreht sich im Rad, abwechselnd von einem Ort zum anderen.
Aus geografischer Sicht ist aber Allahabad mit seinem großen Schwemmland (35qkm) im Ganges, die wohl „beste“ Location, was ihre Ausdehnung betrifft. Allahabad ist eine Millionenstadt in den Ebenen des  nordindischen Uttar Pradesh. Bei Prayagraj vereinigen sich der Ganges, Indiens größter Strom, sein wichtigster Nebenfluss die Yamuna, sowie die mystische Sarasvati.

Ursprünglich war es ein periodisches Zusammentreffen der unterschiedlichsten Akharas, das sind Orden, und ihren Mitgliedern, den Sadhus. Oft machten sich diese zu Fuß aus den entlegensten Regionen Indiens, wie dem Himalaya, auf den Weg.

Sie traten aus ihrer Abgeschiedenheit heraus und trafen dort ihre „Brüder“, zur heiligsten Zeit.

Einerseits, um ihre Seelen durch ein Bad im Ganges zu reinigen und jegliches schlechtes Karma aufzulösen, um so dem Rad der Wiedergeburt zu entgehen,  andererseits wurden auch wieder neue Mitglieder eingeweiht.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Dazugekommen ist aber eine unglaubliche Show an Scharlatanen und Blendern. Das Treffen und Entdecken wahrer Meister ist wie ein Suchen der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Jeder, der es sich leisten kann, lebt zu dieser Zeit in einem dieser mehr oder weniger großen Zelte in dieser Zeltstadt auf Zeit. Die Größe des Zeltes zeugt nicht immer von dem Können des Gurus oder Sadhus, wohl eher von dessen Bekanntheit und seinen Sponsoren.
Der Kumbha Mela Campground ist wie gesagt ein Schwemmland, jede Leitung, jede Straße, alles wird für diese Zeit errichtet. Ein unglaublicher logistischer Gewaltakt. Sogar Spitäler und Polizeistationen  werden eingerichtet.

Jede Akhara, also jeder Orden und seine Mitglieder haben ihren Bereich, dieser wird mit langen Fahnenstangen und ihrer gehissten Flagge markiert.
Als nicht-indischer Tourist, ist man dort eher in der verschwindenden Minderheit.
Yatris, Pilger und Berichterstatter aus dem eigenen Land sind stark vertreten. Und natürlich Anhänger, Angehörige der einzelnen Gurus und Akharas prägen das Bild. Die wirklich großen Gurus haben ein unglaubliches Gefolge mit sich. Für Besucher ist es die Gelegenheit, alles, was derzeit Rang und Namen hat, auf diesem Fest zu besuchen, den  Weisheiten zu lauschen und das Können zu bestaunen.
Meistens ist das mit einem stundenlangen Fußmarsch über Straßen gesäumt und von Zelten verbunden. Deshalb verbringt man auch mehrere Tage auf der Kumbha Mela, wenn man wirklich etwas sehen will.

Zurück zu unserer Reise:
Wir hatten uns damals mit Freunden aus einem Ashram in Haridwar (Santosh Puri Ashram), am Fuße des Himalayas, verabredet, um mit ihnen gemeinsam in ihrem Zelt für 8 Tage zu wohnen. Mataji (Narvada Puri), eine Sadhvi, die ich sehr schätze und schon öfters in ihrem Ashram besucht hatte, sowie ihr Sohn Ganga und ein paar wenige Europäer, das war unsere Gruppe. Und da Hari und ich alleine angereist waren, mussten wir uns einen Treffpunkt in dieser Zeltstadt ausmachen, was nicht so einfach war.

Genauso schwierig war es, eine bestimmte Zeit auszumachen. Die anderen kamen per Kleinbus, viele hundert Kilometer, mit  hunderten von Autos auf einem hoffnungslos überfüllten Highway angereist. Da saßen wir also, unter vielen und doch ganz alleine, auf unserem Rucksack und warteten auf der Stelle, von der wir hofften, dass es die richtige war.

Als die Stunden vergingen und meine Neugierde nicht mehr zu bremsen war, beschlossen wir, unser Gepäck  bei einem Händler zu lassen und gemeinsam auf Erkundungstour zu gehen.

Warten, und Geduld haben…

Die Sonne war nur mehr ein gelber, verschwommener, heller Fleck am Himmel und bereits am Untergehen. Der Zustrom an Menschen blieb ungebrochen.
Das war unser erster Abend auf dem Kumbha Mela- Schwemmland. Das Schwinden des Lichtes, das Aufsteigen des Rauches von den vielen Feuern, die für Kochzwecke und in heiligen Dhunis entzündet wurden, war wie von einer anderen Welt. Die Geräuschkulisse ließ keinen Moment nach, in den ganzen 8 Tagen, die wir dort verbrachten, sollten uns nun 24 Stunden lang lauteste Beschallung von hunderten von Lautsprechern begleiten. Wie unromantisch.

Jedes größere Zelt hatte seinen Lautsprecher, und jeder schrie dort seine Mantren oder predigten in die Welt hinaus. Gleichzeitig hatte die Kumbha Mela-Vermisstenstation ihre Durchsagen auf eigenen, noch lauteren Lautsprechern, wo unentwegt Aufrufe von vermissten Menschen, oft Kindern, durchgebrüllt wurden.

Hunderte von Menschen gehen tagein tagaus dort verloren, es wurde sogar ein Film über diese Kinder und Erwachsene gedreht, die verschwunden oder nie mehr ihre Angehörigen gefunden hatten.
Angeblich soll dort der Menschenhandel seine Opfer finden.

Als nun unser erster Abend  da war und wir gerade einen Plan B austüftelten, sollten wir nicht auf unsere Gruppe treffen, fanden sich plötzlich in der langen Schlange von stauenden, stinkenden, hupenden, rauchenden, staubigen Autos zwei Augenpaare, die sich wiedererkannten. Ganga, der Sohn Matajis, hatte meinen suchenden Blick aufgefangen.
Mein Gott, wie erleichtert waren wir.
Die armen Reisenden, völlig erledigt von der zwei Tage langen Fahrt, kletterten aus dem Wagen. Mataji, die schon etwas älter war, kam uns entgegen. Wir umarmten uns und für einen kurzen Augenblick schlugen unsere Herzen in all dem Trubel im Gleichklang und Ruhe umgab uns.

Es dauerte dann noch Stunden, bis wir endlich unsere gemieteten Zelte fanden. Die Freude war gedämpft, denn die Zelte lagen zusammengesunken am morastigen  Boden, und waren nicht mehr als ein Stück Stoff mit jeweils zwei Holzstangen, that’s it.

Unser Zelt und die Grashütte.

So mussten wir noch in den Nachtstunden irgendwie diese Dinger selbst fit bekommen. Das Ganze war deshalb so schwierig, weil man kaum Teamarbeit machen konnte, da wir unser eigenes Wort nicht über den Lautsprecherlärm erheben konnten. Es gab dann auch noch eine mit Gras bedeckte Hütte, die sich später in der Hitze des Tages als wohltuende Unterkunft herausstellte.

Ja, da waren wir nun. Fix und fertig. Auf Tüchern und Decken am Boden liegend und Schlafsack im Gepäck, in  einer sehr einfachen Unterkunft. Erst am Morgen, nach einer lauten, kurzen Nacht, konnten wir unseren Zeltplatz näher erkunden.
Wir hatten sogar dort eine Wasserleitung, die aber natürlich von allen Vorbeigehenden auch benutzt wurde. Ein Loch in der Erde, ein Brett und eine Plastikfolie, die bis auf Brusthöhe als Sichtschutz herumgewickelt war, war unser WC. Das war natürlich auch für jeden zugänglich. So war es oft mal bis zum Rand voll und es wurde dann erst wieder von einem eigenen Putztrupp, der seine Runden zog, gereinigt.

Es gab ja auch eigens für dieses Pilgerfest verlegte Kanalrohre, die dann wohl in den Ganges führten, sowie eine Müllabfuhr, d.h. Leute, die mit Schubkarren ihre Tour machten und die eigens dafür ausgehobenen Löcher mit Müll füllten. Abends wurde das dann angezündet, und wenn das Loch gar hoffnungslos voll war, einfach zugeschüttet und ein neues ausgehoben.

Der nächste Monsum nimmt dann alles mit ins Meer.

Eine kleine Müllsammelstelle, vor einem Erdlochklo mit Wellblechabdeckung.
Lehmöfen und Kuhdung.

Die Organisation war wirklich sehr gut. Man hat das Beste aus diesen außergewöhnlichen Umständen gemacht. Es wurden sogar kleine Lehmöfen verkauft. Das war nicht mehr als ein Halbrund aus Lehm, nicht größer als  eine 5l-Öldose, ohne Boden und Deckel. Die Frauen konnten damit wunderbar ihre Chapatis und Dalgerichte kochen. Kuhdung und Holz gab es auch zu kaufen, sie waren aber sehr teuer.
Die meisten brachten ihre volle Verpflegung mit. Vom Reis bis hin zum Kuhdung und dem Holz. Das normale indische Fußvolk hatte auch kein Zelt, die Leute schliefen oder campierten dort, wo Platz war. Manche fanden aber auch bei einem großzügigen Guru oder Sadhu eine kurze Bleibe und wurden zum Essen in dessen Zelt eingeladen.
Großküchen übernahmen den Großteil an Verpflegung, gedacht besonders für die ärmeren Pilger, und das alles war kostenlos.

Wir hatten einen Koch mit dabei, jedoch gab es nur einmal am Tag etwas zu essen. Die meiste Zeit streiften wir umher, oft total verloren zwischen den vielen Straßen und Zelten.
Wenn es stimmig war, ein Sadhu an seinem Dhunifeuer freundlich gestimmt war und uns hereinbat, dann gab es oft Chai oder manchmal sogar etwas zu essen. Für eine Spende war das ein gutes Auskommen für beide Seiten. Den Männern wurde oft ein Chillum, Tonrohr gefüllt mit Cannabis, zum Mitrauchen angeboten.

Das Wasser zum Kochen kam vom Ganges selbst, oder, wenn eine Wasserleitung in der Nähe war, dann eben daraus, aber es wurde sowieso alles vom Grund des Ganges herauf gepumpt.
Bedenken wegen Verunreinigungen kann man sich  nicht leisten. Ich habe sogar meine Schuhe, Flipflops, „verloren“. Es gab wohl jemanden, der sie nötiger brauchte. So lief ich eine Zeit lang unfreiwillig barfuß, was manchen Inder besonders freute, da ich vorbildlich den heiligen Boden nicht mit Schuhen beschmutzte.

Mataji nahm immer morgens eine Kübeldusche am Wasserhahn. Ich war dafür zuständig ihr das Nötige zu reichen. So wie alle Inder, schaffte sie es, zu „duschen“, obwohl sie teilweise angezogen war. Sie enthüllte dabei immer einen anderen Teil des Körpers, so dass sie nie wirklich nackt war.

Ich habe das auch versucht und zog dabei viele Schaulustige an, ich glaube ich war einfach zu ungeübt darin. So beschloss ich, die paar Tage einfach nicht zu duschen. Beim täglichen WC-Gang war es schon eine Kunst, nicht in den Überresten der Vorgänger auszurutschen.
Aber so unmöglich das alles auch klingen mag, es war Indien, es war das größte spirituelle Fest des Jahrhunderts, es war Maha Kumbha Mela.

Morgens machte ich gerne Feuer für unsere Morgenpuja. Jedoch war die Luftfeuchtigkeit so hoch, dass es recht schwer war. Ein junger Mann zeigte mir dann, wie man mit Hilfe von ganz wenig Zucker, den man ins anfängliche Feuer wirft, gute Erfolge hat. Der Zucker schmilzt und das Feuer wird dadurch genährt.

Das Singen beim Morgen- und Abend-Arati gestaltete sich als äußerst schwierig, da man sein eigenes Gesungenes nicht hörte, geschweige denn das des Gegenübers. Wir lasen quasi von den Lippen ab, hörten aber nichts. Beim Sprechen mussten wir uns regelrecht anschreien, besonders morgens und abends, wenn Pujazeit war, brüllten die Lautsprecher mit voller Kraft.

Laut und lauter, nach unserem Morgenarati gibt es Chai.

Es war alles andere als spirituell und sehr grenzwertig für die Sinne.

Das Einschlafen war wie  ein K.o.-Schlag der Sinne, und das Aufwachen war ein Schreck, weil man mit einem Schlag den Lärm wieder bewusst wahrnahm. 
Die  gesamte Kleidung nahm ich jeden Abend mit in den Schlafsack, weil morgens alles kalt und feucht von der Luft war, dem Atem des Ganges.

Regen weckte uns einmal mitten in der Nacht auf, unser Strohdach war natürlich nicht wasserfest. Mit Sack und Pack flüchteten wir ins Zelt der Männer. An diesem Morgen war ich dann ziemlich demotiviert, und ich hätte gerne die nächst beste Gelegenheit genützt und wäre abgereist. Aber wir hatten ja noch Großes vor, den Hauptbadetag.

Unser Aufenthalt war ausgerichtet auf dieses spezielle Ereignis. In den folgenden Tagen sollten immer mehr Leute auf das Schwemmland kommen. Es füllte sich mit jeder Stunde.

Von überall her, mit Sack und Pack, oft tagelang schon in Bussen unterwegs oder ganz zu Fuß, kam ganz Indien an diesen Ort. Gesichter über Gesichter, keines glich einem anderen, es gab nichts, das es nicht gibt.

Viele haben dafür ihre ganzen Ersparnisse aufgebraucht und werden kein zweites Mal auf eine Kumbha Mela kommen können.

Heißt es doch, jeder Hindu sollte einmal auf einer Kumbha Mela gewesen sein. Einmal ein Bad im Ganges nehmen, dafür sind sie alle gekommen, und auch ich wollte eintauchen.

Die Veden erzählen, dass der Ganges, der eigentlich eine Göttin ist, so wie alle Flüsse in Indien weiblich sind, solange auf dieser Erde verweilen muss, bis der letzte Mensch in ihr, der Ganga, eingetaucht ist und sich von seinem  gesamten Ballast gereinigt hat.
Es ist sozusagen ihr Dharma, ihre  Aufgabe. Wurde Sie doch von einem erbosten Rishi (Seher) wegen des ungehörigen Benehmens ihm gegenüber dazu verdonnert. Unwillig verließ sie Swarg Lokh, den Himmel und kam mit solcher Wucht heruntergesaust, dass Shiva persönlich Ganga in seinen Haaren auffangen musste, um die Erde vor dieser zerstörerischen Kraft des Wassers zu retten.

Stellen, an denen mindestens 2 Flüsse sich treffen, „verheiraten“, nennt der Inder Prayag.  Es sind heilige Plätze. In Allahabad treffen, wie eingangs erwähnt, gleich 3 Flüsse zusammen. Yamuna, Ganges und die mythologische Sarasvati

Wir sind an einem frühen Morgen genau dort hingewandert und mit viel Verhandlungsgeschick wurde ein Boot mit Bootsmann engagiert. Denn dieser Zusammenfluss ist mitten im Fluss, und der heiligste Platz überhaupt. Eine Sandbank unter Wasser, auf der  man stehen kann, markiert den richtigen Ort. 

Die Bootsmänner kämpften mit Ruder und Paddel um den besten Platz zum Eintauchen. Wir waren nur zu dritt, Mataji, eine Belgierin und ich, die das Boot mitten im Fluss verließen. Wir mussten uns einfach darauf verlassen, unter uns eine Sandbank zu finden, ohne sie zuvor sehen zu können.

Mataji meinte auf unsere kurzen Bedenken zwecks Hygiene, dass Viren und Bakterien nur im Kopf existieren und das Eintauchen ungefährlich sei. Wir müssten ja nicht unbedingt den obligatorischen heiligen Schluck nehmen. Man taucht dreimal ganz unter, d.h. bis zum Scheitel unter Wasser.
„Never put something above god“, sagen die Veden. Und da der Fluss heilig ist, muss er ganz über dein Haupt schwappen.

Mit voller Montur, ausziehen ist nicht ratsam, kletterten wir also vom Boot. Und siehe da, da war eine Sandbank, mitten im Fluss. Und nun Augen zu, Luft anhalten und drei Mal eintauchen. Schon nach dem ersten Eintauchen sprang mir fast das Herz aus der Brust, die Lunge benötigte plötzlich Luft. Ich schoss wieder nach oben, öffnete aber zu früh den Mund, und bekam auf diese Weise meinen Schluck vom Ganges.

Eintauchen am große Zusammenfluß von Yamuna, Ganga und Sarasvati.

Ich kann und werde das Gefühl nie vergessen, wie Strom fuhr eine unglaubliche Energie durch meinen Körper.
Ich schaffte es kaum wieder zurück aufs Boot. Und dann noch diese nassen Kleider, aber ich hatte mein erstes Bad auf dieser speziellen Kumbha Mela, an dieser ganz besonderen Stelle, gemeinsam mit Mataji.

Die Tage gingen dahin, wir besuchten bekannte Gurus wie Pilot Baba. Ein Pilot, der in der Luft, im Kampfjet, eine göttliche Vision hatte.
Rampuri Baba, der ein im Westen sehr bekanntes Buch über seinen Weg zum Sadhu geschrieben hat. Goa Gil, „verkleidet“ als Sadhu, der eigentlich Techno Musik in Goa gemacht hat. Eine Frau, die sich über 24 Stunden eingraben lässt und das ganze ohne Schaden überlebt. Obwohl ich sagen muss, dass sie insgesamt sehr unlebendig aussah.
Ein anderer Mann, der seit Jahren keine Nahrung mehr zu sich genommen hat. Jene, die mit ihrem Penis schwere Lasten tragen können.  Alles Sadhus, die sich auf unterschiedlichste Weise kasteien.  Einige wollen sich seit Jahren nicht mehr hingelegt haben, oder sind genauso lange schon am Kopf gestanden. Andere halten schon so lange ihren Arm nach oben gestreckt, daß dieser schon verkrüpelt ist, und die Fingernägel lange lockige Formen haben. Ideen über Ideen.

Welchen Nutzen das haben kann, weiß ich selber nicht. Es soll wohl demonstriert werden, wie leidensfähig der Mensch sein kann, und wie wenig es ihm anhaben soll. Die Trennung von Körper und Geist. Gedankenschulung.

Diese Show hat mich kaum berührt und ist wohl auch eher eine Entwicklung der neueren Zeit. Wir trafen den Chef  der Juna Akhara, des angeblich gefürchtetsten, wildesten Ordens. Aber diesen Anspruch erheben fast alle Orden, und so hinterließ auch dieses Treffen wenig Eindruck.

Kurz, eine Show ohne Ende. Ernüchternd und vielleicht auch albern. Aber deshalb sollte man nicht auf dieses Fest kommen, es wäre sehr enttäuschend.

Durch Mataji war es uns Frauen erlaubt, im Womans Camp, also dort, wo nur weibliche Sadhus wohnen, ein und aus zu gehen. Die Energie dort war viel ruhiger, es wurde kein Chillum geraucht, und die Frauen  saßen teilweise zusammen und hatten ihren Spaß. Keine Shows, kein Trara.

Augen die aus ihrer Tiefe heraus sprechen.
Freunde treffen sich wieder…

Neugierige Augen lugten aus dem einen oder anderen Zelt und oft war es eine einladende Geste, die zum Eintreten animierte. Frauen sind einfach von Natur aus neugieriger und Fragen wurden von beiden Seiten gerne gestellt und beantwortet.

Im Sadhvi Camp.

Ich erinnere mich noch genau, wie uns eines Morgens eine von ihnen im Zelt besuchen kam, sie war aus dem wilden Nagaland, angelblich der wildeste, ursprünglichste Staat Indiens, ganz im Osten gelegen. Kopfjäger und andere kleine Volksgruppen sind dort zu Hause.

Diese Sadhvi konnte bloßes Wasser in einem Glas „besprechen“ und ihm  auf diese Weise Heilwirkungen einhauchen. Ein Schweizer aus unserer Gruppe hatte eine Augenentzündung wegen des Staubes und dem Rauch der Feuer.
Er musste, nachdem die Sadhvi das Wasser besprochen hatte, dieses auf seine geschlossenen Augen auftragen. Ich kann euch als Augenzeugin sagen, seine Augen verloren innerhalb einer Stunde ihre Rötungen.
Das war „echter“ Zauber aus dem Nagaland.

Besuch aus dem Nagaland.

Ich glaube, es war zwei Tage vor dem großen Hauptbadetag, als wir unsere sieben Sachen packten und uns auf den Weg ins Zentrum, ins Innere der Juna Akhara machten. Für Außenstehende war es eigentlich nicht erlaubt, dort zu übernachten. So mussten wir alle gemeinsam in ein sehr kleines Zelt ziehen.

Mataji stützend, wanderten wir mit der Masse. Immer wieder kamen Pilger und verbeugten sich vor Mataji und berührten ehrfürchtig ihre Füße. Für mich, da ich Mataji unter den Arm griff, war das sehr befremdlich. Diese Hingabe und Demut einem Fremden gegenüber, ist uns doch eher unbekannt. Es dauerte einen ganzen Tag, ehe wir unsere neue Bleibe, ein kleines buntes Zelt, erreichten. Der Lärm und die Menschenmenge hatten noch zugenommen und die Sinne waren überreizt. Die Luft war rauchgeschwängert, und es war tagsüber sehr heiß.

Wenn alles sehr dicht ist, die Sinne überlastet sind, braucht der Mensch keine Nahrung.
Ich kann mich nicht erinnern, dass wir mehr als nur Chai oder einen kleinen Snack aus Früchten in diesen 3 Tagen zu uns nahmen.

Ein gut gekleideter Swami kam eines Nachmittags in unser Zelt. Er hatte irgendwie etwas Unehrliches an sich. Mit Gold Uhr und Handy, auf jedem Finger einen Ring, lud er uns Frauen in sein Zelt ein. Widerwillig ging ich mit den anderen mit. Sein Zelt war wirklich groß und voll mit Menschen aus Ost und West, die ganz verschwommen und verklärt durch ihre halb geöffneten Augen lugten.

Schnell bot man uns Chai und Snacks an, sowie Ketten aus Holz und Glasperlen als Gastgeschenke. Auch Drogen aller Art waren zu haben, was wohl auch die eigenartige Energie dort erklärte.

Mir war das zu schlüpfrig, in den Augen des einen oder anderen Mannes dort konnte man förmlich Begierde lesen. Auf eine fast unhöfliche Art entschied ich kurzerhand, das Zelt wieder zu verlassen. Die anderen Frauen waren zu dieser Zeit noch ganz angetan von der Aufmerksamkeit dieser Männer und ihren „Geschenken“. Viel später erst kamen sie  zurück und waren entsetzt über die Zudringlichkeit ihrer Gastgeber.
Aber wir bekamen  auch das wahre, ursprüngliche Gesicht dieses Festes zu sehen.

Die orangen Fahnen wehten unaufhörlich im Wind. Die Mantren und der Rauch, der aufstieg, taten wohl ihres dazu.
Es wurde Zeit, in der Nacht wurden die Neuzugänge eines jeden Ordens eingeweiht. Zuerst mussten sie lange Rituale und Zeremonien mit ihren Brüdern durchhalten.
108-mal im Ganges eintauchen, zuvor wurden sie geschoren, damit die letzte Erinnerung an ihr bisheriges Leben ausgelöscht wurden. Nach der Entsagung bekamen die Namenlosen ihre neue Familie, die Akhara, und ihren neuen Namen, und so beginnt ihr Weg, der Weg eines Sadhus, eines Entsagten, der nie länger als 3 Tage an einem Ort sein sollte, der so gut wie nichts besitzen wird und seine tägliche Nahrung nur als ein Geschenk, Tag für Tag von fremden Händen empfangen wird.

Zitternd vor Erschöpfung und Erwartung saßen sie dort zusammen. Es ist wirkliches Glück, auf diesem großen Schwemmland hinter all der Show, auf diese Plätze,  wo die wahre Idee dieser Zusammenkunft gelebt wird, zu treffen.

Ich konnte einen kurzen Blick zur rechten Zeit auf diesen speziellen Kreis werfen.
Kein zweites Mal hat mich Einsamkeit in diesen Tagen der Kumbha Mela so sehr erfasst wie hier.

Wie Babys, die gerade erst auf die Welt gekommen sind, saßen sie da, alleine, ohne Vergangenheit, ohne Erinnerungen daran, wer sie vorher waren. Ihren Namen und ihre Herkunft vergessend, so wie Gott sie schuf, ohne Habe, nur dieses Tuch um ihre Hüften und das war geborgt. Und schon bald sollten sie ganz nackt, in Luft oder Asche gekleidet, durch ihr neues Dasein gehen.

Diese Einsamkeit fand ihre Resonanz in meinem Herzen, ich musste wirklich weinen, weinen wie eine Mutter, die ihr Kind verliert, weinen, weil es so wahrhaftig war. Das wohl Wahrhaftigste dieser Kumbha Mela.
Ich schreibe das alles aus meiner Erinnerung nieder, aus dem, was sich hinter meinen Augen für immer eingebrannt hat. Aus den Gefühlen und Emotionen, die ich selbst oder über die Gesichter dieser Menschen empfunden habe.

Die Neugebohrenen.

Mittlerweile war der Raum so begrenzt, dass es in der vorletzten Nacht, vor dem Hauptbadetag, ein wunderliches Erwachen am Morgen gab.  Ich sollte ganz nah neben Mataji  in unserem neuen, kleinen Zelt, mein Nachtlager errichten. Es sei besser so, meinte ihr Sohn. Ich dachte mir nichts dabei und war eher verwundert.
Aber noch mehr verwundert war ich, als ich in der Nacht aufstehen musste und unser gesamtes Zelt, jeder freie Meter, war belegt mit fremden Körpern. Es gab so wenig Platz, dass Reisende einfach in Zelte lugten, und wo auch immer sie Platz fanden, sich hinkauerten.
 
Egal ob Männer oder Frauen, Alt oder Jung, Körper an Körper, und der Weg dazwischen war ein Balanceakt. Die Zeltwand wurde sogar außen, von den sich dagegen lehnenden Menschen, eingedrückt. Nie hatte ich so engen Kontakt mit Fremden. Zu Zeiten der Virushysterie ist das kaum vorstellbar.

Der letzte Tag vor dem großen Tag, war ein Sitzen und Warten. Es gab fast kein Durchkommen mehr, und wann immer ich kurz vom Boden aufstand, um mir die Beine zu vertreten, saß schon ein anderer Pilger auf diesem Fleck Erde. Es war wirklich voll.

Die Lautsprecher taten das Ihrige, die Luft flimmerte, und die Stunden tröpfelten dahin. Die Sonne war hinter Smog und Dunst versteckt. Essen war nicht notwendig, an Wasser war schwer zu kommen. Die Wasserleitungen führten meist kein Wasser mehr. Und immer noch strömten die Menschen auf dieses Schwemmland.

Die Nacht war kurz und sehr laut. Ganz früh am Morgen würde die spezielle Zeit sein, dann, wenn man aus astrologischer Sicht in den Ganges eintauchen sollte.

Der Morgen graut, alles und jeder ist auf den Beinen.

Laute Böller und andere Feuerwerkskörper detonierten immer wieder. Es pulsierte geradezu. Irgendwann vor Sonnenaufgang standen wir auf,  Menschenmengen waren unterwegs. Wohin? Ja, das war eine gute Frage. Die Ordensführer mit ihren Anhängern hatten nur ein Ziel, den Prayag, dort, wo ich vor wenigen Tagen mit Mataji eingetaucht war.
Sie formierten sich und bildeten lange Züge, mit Pomp und Trara, auf ihren Fahrzeugen hockend und winkend, fuhren die Anführer eine abgeriegelte Straße entlang. Ihre Sadhus liefen hinterher, nackt und mit Asche und Blumen dekoriert, mit Stöcken und Dreizack gerüstet, laut rufend „Har Har Mahadev!“ Ein Gruß an Shiva, den Asketen-Gott, den Ursadhu.

Das Bild, aufgenommen im Morgengrauen, die Luft flimmert, so wie dieses „misslungene“ Foto.

Hari und ich machten uns einfach auf den Weg, irgendwann ging dann nichts mehr weiter, die Menge stockte. Menschen verrichteten ihre Notdurft direkt in der Masse. Es hatte  6 Grad. Es war wirklich kalt. Der Zug an Autos und Sadhus schien nicht enden wollend zu sein.

Mitgerissen von der Atmosphäre, schrie ich mir die Lunge aus dem Leib.“ HAR HAR MAHADEV“.

Irgendwie hat es geholfen diese Energie, die über Tage so angeschwollen war und nun kurz vor ihrem Höhepunkt stand, frei zu lassen.

HAR HAR MAHADEV!

Die Menschen kletterten auf und über die Absperrungen, die Sadhus frierend und besonders die sehr Alten unter ihnen, gezeichnet von den letzten Tagen, rannten wie in Trance vorbei. Einer warf mir eine Blüte zu, die ich bis heute gut verwahrt habe.

Die Polizisten, teilweise hoch zu Ross, waren sehr strickt mit ihren Forderungen, und nicht selten kam ein Knüppel zum Einsatz. Ich stand da, mit meinem frierenden Partner und fühlte keine Kälte mehr. Diese Situation war wirklich fordernd. Als der Zug vorbei war, kam es zu dem einzig unguten Zwischenfall für uns beide. Alle drängten plötzlich in eine andere Richtung und es blieb uns nichts mehr übrig, als diesen zu folgen. Eine Engstelle zwang uns fast, über ein Auto zu klettern, um nicht überfahren zu werden.

Gnadenlos, die berittene Polizei.

Alles nur nicht hinfallen, einfach mit der Masse mitgehen. Die Stöße und Wellen von Bewegungen mittragen, nicht dagegen arbeiten, die Nerven behalten und uns nicht verlieren.

Irgendwoher hörte ich immer wieder jemanden sagen: „Aram se“(ruhig bleiben). Daran hielt ich mich fest und die Engstelle wurde etwas weiter. Wir bogen dann einfach in ein Zeltlager, wo man uns, weil wir seltene Touristen waren, hineinließ. Huch, atmen und verschnaufen. Auf der anderen Seite wieder hinaus, und der Spuck war vorbei.

Dharma erfüllt sich, Seelen folgen ihrem Ruf.

Ich ging dann natürlich zum nächsten Gangesufer mit unzählbar vielen  Menschen, die das gleiche wie ich vorhatten, einen Platz für ihr Ganges Bad zu finden.

Egal, wie weit und wie beschwerlich jedermanns Anreise war, egal, woher jeder Einzelne stammte, wir hatten nur den einen Wunsch, endlich zur rechten Zeit, am rechten Ort, in diesen Fluss der Flüsse einzutauchen.
Gangas Dharma (Aufgabe) zu erfüllen, und unser Karma (mitgebrachte Verkettungen von vergangenen und dem aktuellem Leben) zu bereinigen.

Mein Snan, mein Eintauchen am Hauptbadetag.

Mitsamt der Kleidung, so wie es bei Frauen, außer sie sind steinalt, üblich ist, suchte ich mir eine möglichst freie Stelle und tauchte in das kalte, von Wünschen und Hoffnungen aufgeladene Wasser ein. Dreimal.
Auf den Lippen das Mantra der Flüsse.

Om gange  jay jammune chaiva, godaveri sarasvati, narmade sindu kaveri, namastobhyam namo namaha.

Die Sonne war bereits aufgegangen, das Ufer war voll von Frauen, die ihre Saris in den Wind hielten um sie zu trocknen. Bunt und lebendig, ein Spiel von Farben und Reflexionen im Wasser. Glückliche Gesichter. 

Geschäftiges Treiben nach dem großen Bad.
Alles dabei, Heute bleibt keiner hungrig.

Viele bauten gekonnt aus dem  Schlamm des Flusses einen kleinen Windofen, flink wurden ein paar Chapatis ausgerollt, gebraten und Chai gekocht. Es war herrlich!!!! Ein Polizist bot sich an, auf meine wenige Habe zu achten, während ich mein Bad nahm. Fröstelnd aber erleichtert, wanderte ich den langen Weg zurück zum Zelt. Dort, wo wir uns alle wieder treffen sollten, irgendwann am Abend.

Unterschiedlichste Geschichten  hatte jeder einzelne von uns zu erzählen. Der Schweizer Freund hatte etwas Pech, er kollidierte mit einem Sadhu und bekam dessen Dreizack ins Gesicht.

Mataji war erschöpft, sie lief bei ihrer Akhara mit und das ist nochmal eine andere Sache, mit dem Zug von Sadhus zu laufen. Das geht über Stunden und ist ein richtiges Gerangel.

Ich hätte sie begleiten können, aber vor Respekt und wirklicher Ehrfurcht habe ich dankend abgelehnt. Ich finde, es ist eine Sache, wenn man als Pilger Zaungast ist. Eine weitere Sache ist, wenn man das als Tourist, als Fremder macht, aber für mich ist es eine Frage von Respekt, nicht zwischen denen zu laufen, für die das Ganze wirklich von Bedeutung ist, den Sadhus, die ihrem Leben eine derartige Ausrichtung gegeben haben, die sich seit Jahrhunderten zu diesem Fest treffen und ihre Riten abhalten. Bei soviel Show rund herum, sollten sie wenigstens hier unter sich sein können.

Am Tag nach dem großen Tag wanderten wir, jeder für sich, zurück zum alten Zeltplatz außerhalb des Kreises der Akharas. Über Pontonbrücken, (Schwimmbrücken) gemeinsam mit vielen anderen, ging es langsam voran. Die Eindrücke bleiben mir ewig in Erinnerung.
Alles war in ein oranges Licht gehüllt. Ich war erst gegen Abend wieder vor Ort. Bei Sonnenuntergang versank die Welt in glühendes Rot.

Das erste Abendrot läßt den großen Tag vergehen, der Tag, an dem 30 Mill. Menschen sich friedlich am Ufer des Ganges gertoffen haben.

Da unsere Reise noch weiter gehen sollte, und die Kumbha Mela für uns nun vorbei war, war es eine schwierige Sache, von diesem Schwemmland herunter zu kommen. Der Verkehr war für Private noch stillgelegt. Abgesehen davon waren die Straßen immer noch von Pilgern überfüllt. Es dauerte einen ganzen Tag, bis Matajis Sohn ein Taxi für uns organisieren konnte. Und wieder mussten wir, nach einer herzlichen Verabschiedung von allen, weit gehen, um zu diesem Auto zu kommen.

In der nächsten Nacht gab es einen Platzregen, das Schwemmland wurde teilweise überschwemmt, Leute gerieten in Panik und es gab ein paar Tote. Zum Glück war die Gruppe von Mataji aber wohl auf und sie konnten sicher ihren Weg zurück zum Ashram nach Haridwar antreten. Später sollten wir uns dann auch dort wieder einfinden, an den Ufern des Ganges.

Zuvor aber fuhren wir weiter nach Benares (Vārānasi). Es ist die  älteste Stadt der Menschheit, wie es heißt, und der Wohnsitz Shivas. Dort, wo jeder Gläubige Hindu, wenn er es sich leisten kann, an den Ghats des Ganges nach seinem Tod verbrannt werden will.

Hari und ich waren erschöpft, Halsweh und Husten, die Inder nennen es Kumbha Mela Flu, plagten uns, wir waren gezeichnet von den letzten 8 Tagen.

Einige der Sadhus sahen wir dort wieder, sie winkten uns zu und erinnerten sich sogar vereinzelt an uns. War das möglich, bei so vielen Menschen, 30 Millionen waren es alleine am Hauptbadetag gewesen, d.h. soviel wie halb  Italien an einem Strand zu versammeln. Die Menschenansammlung konnte man per Satellit vom All aus sehen.       
 

Lange nach dieser Reise und bereits wieder zurück in Europa, kamen und kommen immer wieder noch Erinnerungen und Bilder hoch, für die dort keine Zeit zum Nachsinnen war.

Mataji sagte eines Nachts auf dem Fest: „Es ist gut, dass nicht jedes Jahr eine Maha Kumbh Mela ist, und wer weiß schon, ob ich nochmal eine besuchen werde“.

Ihre Worte haben sich bewahrheitet, es war ihre letzte Kumbha Mela.  Ich bin sehr froh, dass ich dieses Abenteuer, diese Pilgerreise mit ihr gemeinsam erleben konnte.

Mataji.

Eine Reise zur Kumbha Mela ist eine Reise an den Rand der eigenen Grenzen.
Du stehst am Ufer dieses gewaltigen Flusses und es gibt zwei Möglichkeiten, entweder, wagst du es und steigst in den ewigen Fluss, oder irgendetwas hält dich zurück, und du bleibst somit nur ein Zuseher.

Grenzen machen uns erst bewußt, wie stark wir eigentlich sein können.

Diese unendliche Quelle an Erinnerungen, die als Erzählungen ihren Weg finden, erfüllt mich immer noch mit großer Freude, Entzücken und tiefster Dankbarkeit. Geradeso, als würde dabei dieser mächtige Strom wie ein Energiefluss durch meinen Körper fließen.


Maha Maya Ganga ki Jay

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2 Gedanken zu „Kumbha Mela, ein gigantisches Treffen am Ganges

  1. Da auch ich Indien schon öfters bereist habe, kann ich zumindest auf die Schönheit der indischen Natur und in Bezug auf die tolle Atmosphäre bei indischen Zeremonien deine Reiseerlebnisse sehr gut nachvollziehen.

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