Leben und leben lassen – Kampf um das Paradies

Buddha-Statue in einem botanischen Garten als Symbol für Frieden und den Kampf, einen großen Garten zu besitzen.

Einen großen Garten in der heutigen Zeit zu besitzen und zu erhalten – und ich spreche hier nicht nur von seiner Pflege, sondern auch vom Einwirken äußerer Kräfte, nennen wir sie im übertragenen Sinn einfach „Nachbarn“ – fühlt sich manchmal wie ein Kampf gegen Windmühlen an.

Ich habe das große Glück, in einem alten botanischen Schaugarten zu leben und zu arbeiten. Seine teils seltenen Baumbestände sind außergewöhnlich. Sie wachsen hier seit über 55 Jahren. Entsprechend finden sich darunter einige prächtige Exemplare, die diesen Ort seit Jahrzehnten prägen. Solchen Riesen muss man Raum geben können und auch geben wollen.

Den steigenden Grundstückspreisen sowie der zunehmenden Verbauung fallen diese gewachsenen Individuen jedoch immer häufiger zum Opfer. Nicht Umweltbedingungen oder Krankheiten sind ihr größter Feind. Viel zu oft werden kerngesunde, schöne und einzigartige Bäume gefällt. Manchmal ist es der Platzbedarf oder die Angst vor möglichen Sturmschäden. Pflanzen hinterlassen auch ihre natürlichen Spuren, sei es durch abgeworfenes Laub, Blüten oder Nadeln, das von vielen schlicht als „Dreck“ bezeichnet wird. Meist jedoch handelt es sich um pure Profitgier und unreflektiertes Handeln.

Wenn das Paradies zum Problem erklärt wird

Immer wieder muss ich mich Diskussionen mit Nachbarn stellen, die ihre Häuser viele Jahre, nachdem dieser Garten angelegt und die Bäume gepflanzt wurden, möglichst nahe an meine Grundstücksgrenze gebaut haben. Sie wollten der Nähe zur Straße entgehen und die Ruhe, das Grün sowie die besondere Atmosphäre eines gewachsenen Gartens genießen. Irgendwann jedoch werden genau jene Bäume, die diese Atmosphäre überhaupt erst ermöglichen, zum Problem erklärt.

Für Menschen, die mit Natur wenig anfangen können und deren Idealvorstellung eines Gartens eher einem Fußballfeld gleicht, mit kontrolliertem Zierrasenwuchs und klar definierten Grenzen, stellen die natürlichen Begleiterscheinungen eines gewachsenen Baumbestandes oft eine erhebliche Belastung dar. Der Griff zum Laubbesen wird als Zumutung empfunden, das Reinigen einer Dachrinne als unverhältnismäßiger Aufwand. Man gewinnt mitunter den Eindruck, als sei die persönliche Freizeitgestaltung durch einige Herbstblätter existenziell bedroht.

Ich habe viele Bäume, und ja, einige davon sind groß und ragen teilweise auch auf Nachbargrundstücke. Das geltende Recht stelle ich nicht infrage. Selbstverständlich habe ich nichts dagegen, wenn Überhänge im zulässigen Rahmen zurückgeschnitten werden. Doch oft genügt selbst das nicht. Die einfachste Lösung scheint daher häufig zu sein, das vermeintliche Ungetüm gleich ganz zu entfernen.

Fünfzig Jahre Wachstum, Lebensraum und Raumgestaltung; fünfzig Jahre Wunderwerk Natur.

All das soll der Bequemlichkeit und einer möglichst pflegeleichten Lebensweise geopfert werden. Staubfreie, versiegelte Flächen werden dem ursprünglichen Mutterboden vorgezogen. Grundsätzlich bin ich ein friedfertiger Mensch. Doch bei Themen wie diesen stoße auch ich irgendwann an meine Grenzen. Diesmal betrifft es meine Spitzblättrige Buche. Am liebsten würde man sie möglichst geräuschlos und sauber verschwinden lassen.

Die große Klima-Paradoxie vor unserer Haustür

Wir sprechen über Klimawandel und Klimaschutz. Wir planen große Projekte, investieren enorme Summen und suchen nach technischen Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft. Gleichzeitig schneiden wir vor unserer eigenen Haustüre oft jenes Wunderwerk der Natur, das seit Jahrzehnten genau das tut, was wir andernorts mit großem Aufwand erreichen wollen.

Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, wie konsequent wir mit diesem Thema tatsächlich umgehen. Selbst für Projekte zur klimaneutralen Energiegewinnung werden immer wieder Waldflächen gerodet und gewachsene Naturräume verändert. Ohne die Notwendigkeit der Energiewende infrage stellen zu wollen, sollte dennoch die Frage erlaubt sein, welchen Wert wir bestehenden Bäumen und gewachsenen Lebensräumen beimessen.

Ich möchte an dieser Stelle bewusst machen, was hier zur Diskussion steht. Nicht ein Störfaktor. Nicht ein Ärgernis. Sondern, wie im aktuellen Fall, ein rund 50 Jahre altes, gewachsenes biologisches Kraftwerk. Eine wunderschöne Buche.

Das Datenblatt eines Naturwunders: Meine Spitzblättrige Buche

Die betreffende Buche ist etwa 18 Meter hoch, besitzt eine Kronenbreite von rund 8 Metern und ist ungefähr ein halbes Jahrhundert alt. Deshalb stellt sich unweigerlich die Frage, was dieser eine Baum tagtäglich für uns leistet. Zudem müssen wir betrachten, was an seiner Stelle stünde, wenn man die rund 50 Quadratmeter seines Lebensraums komplett zubetonieren und versiegeln würde.

CO₂-Speicher vs. Treibhausgas-Garant

  • Über ihre Lebensdauer hat die Buche schätzungsweise rund 4 Tonnen Kohlendioxid (CO₂) gebunden. Immerhin entspricht dies ungefähr den Emissionen einer Pkw-Fahrt von etwa 20.000 Kilometern oder mehreren Flugreisen innerhalb Europas. Dieser Kohlenstoffspeicher entstand durch ein kontinuierliches, jahrzehntelanges Wachstum. Allerdings verkehrt sich die Bilanz sofort ins Gegenteil, wenn dieser Speicher wegfällt, um Platz für sterilen Asphalt zu machen. Demzufolge setzen allein die Herstellung und das Verlegen von Beton für eine solche Fläche rund 1,5 bis 2 Tonnen neues CO₂ frei. Infolgedessen startet der Boden bereits mit einem schweren ökologischen Rucksack.

Klimaanlage der Umgebung vs. Heizkörper

  • An warmen Sommertagen kühlt die Buche ihre Umgebung aktiv durch die Verdunstung von 100 bis 300 Litern Wasser. Darüber hinaus spendet ihre Krone Schatten für eine Fläche von 40 Quadratmetern. Folglich reduziert der Baum das Aufheizen von Boden und Umgebung drastisch. Eine versiegelte Fläche tut indessen exakt das Gegenteil. Beispielsweise schluckt Asphalt die Sonnenstrahlung unbarmherzig, heizt sich bis zu 60 Grad auf und verwandelt sich in einen riesigen Heizkörper. Dieser strahlt die gespeicherte Hitze bis tief in die Nacht hinein direkt wieder an das Haus und die Umgebung ab.

Hochwasserschutz vs. Flut-Katapult

  • Ihre Krone fängt heftige Niederschläge verlässlich ab. Gleichzeitig fördert das weitreichende Wurzelsystem die Versickerung und stabilisiert den Boden. Dadurch reguliert der Baum den Oberflächenabfluss und erhöht die Widerstandsfähigkeit gegenüber Starkregen. Demgegenüber gibt es keine Pufferung mehr, sobald diese Fläche zubetoniert wird. Daher schießt jeder Tropfen sofort ungebremst über die Oberfläche weg. Das überlastet die Kanalisation bei plötzlichem Starkregen komplett. In der Folge steigt das Risiko für Überflutungen direkt am Haus massiv an.

Humusfabrik vs. biologische Todeszone

  • Jedes Jahr produziert die Buche wertvolles Laub. Schließlich bildet dieser vermeintliche „Dreck“ in Wahrheit die biologische Grundlage des Lebens. Pilze, Mikroorganismen und Regenwürmer zersetzen es und verwandeln es in Humus. Des Weiteren gelangen so wichtige Nährstoffe zurück in die Erde. Die Laubschicht schützt zudem den Mutterboden vor automatischer Austrocknung im Sommer sowie Frost im Winter. Ebenso dient sie unzähligen Insekten als wichtiges Winterquartier. Unter einer Schicht aus Beton dagegen erstickt jegliches Leben. Wegen des fehlenden Luft- und Wasseraustauschs stirbt der darunterliegende Boden biologisch ab.

Arche Noah vs. leblose Wüste

  • Als ausgewachsener Großbaum bietet die Buche Lebensraum, Nahrung und Schutz. Beispielsweise nutzen Vögel die Krone als Nist- und Rückzugsraum. Ebenfalls finden Insekten Nahrung an Blättern, Rinde und Wurzeln. Demzufolge löscht eine versiegelte Fläche dieses Lebensumfeld radikal aus. Sie bietet keinerlei Nahrung, keinen Schutz und keine Nistplätze. Folglich sperrt sie die Natur vollständig aus und hinterlässt eine sterile, biologische Wüste.

Gesundheitsbooster vs. wenig einladender Aufenthaltsraum

  • Die Buche verbessert die Luftqualität erheblich. Sie siebt Feinstaub und Schadstoffe wie ein riesiger, natürlicher Filter aus der Luft. Zudem zeigen wissenschaftliche Studien, dass der Anblick von alten Bäumen und Grünflächen nachweislich das menschliche Wohlbefinden steigert und unser Stresslevel senkt. Demgegenüber fehlt diese Filterwirkung auf einer nackten Asphaltfläche völlig. Stattdessen verursacht jeder Luftzug, dass liegender Feinstaub und Dreck immer wieder ungebremst aufwirbeln. Somit entsteht statt eines gesundheitsfördernden Kraftorts ein grauer, drückender und wenig einladender Nutzraum.

Die ökologische Leistung dieser Buche umfasst somit weit mehr als die reine CO₂-Speicherung. Die Fällung eines solchen Baumes beseitigt ein über Jahrzehnte gewachsenes Gesamtkunstwerk. Was in wenigen Stunden gefällt werden kann, hat ein halbes Jahrhundert benötigt, um zu entstehen.

Ein Plädoyer für das Bewahren – und den Wert des Alters

Welchen Wert messen wir einem halben Jahrhundert gewachsener Natur tatsächlich bei?

Eine nachhaltige Zukunft erfordert nicht nur neue Technologien und Großprojekte, sondern auch den verantwortungsvollen Umgang mit dem, was bereits vorhanden ist.

Der Schutz des Klimas und der Schutz gewachsener Natur sollten nicht als Gegensätze betrachtet werden, sondern als unsere gemeinsame Verantwortung.

Manche Dinge verdienen es, bewahrt zu werden. Wir sollten vom Wegwerfgedanken Abstand nehmen und uns mehr auf das Bewahren fokussieren. Zeit ist eine nicht zu missachtende Zutat. Alte, gewachsene Natur hat ihre Geschichte.

Dieses wenig wertschätzende Verhalten dem Alten gegenüber finden wir leider auch in unserer Gesellschaft wieder. Ältere oder alte Menschen – welchen Wert gibt die Gesellschaft ihnen eigentlich noch? Ein gelebtes Leben und gelebte Jahre sind voll von wertvollen Erfahrungen.

Genau so, wie es diese Buche ist.

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6 Gedanken zu „Leben und leben lassen – Kampf um das Paradies

  1. Liebe Magdalena, DANKE für diesen wertvollen Artikel, der mir aus der Seele spricht. Im Laufe meiner Jahre als Gärtner war genau dies einer der herausforderndsten Punkte – der Kampf um den Erhalt von großen Bäumen. Regelmäßig durfte ich erleben, wie alte Exemplare von Buchen, Ahörnern, Linden und dergleichen der Motorsäge zum Opfer fielen, da sie zu viel Schatten, zu viel Laub (oder „Dreck“ wie es gerne bezeichnet wird) machen. Vor nicht all zu langer Zeit wurde eine große, gesunde, alte Fichte in direkter Nachbarschaft umgeschnitten, weil sie als Gefahr für die Garage angesehen wurde. Dieser Baum war bis zu seinem Tod ein Wohnort für unzählige Vögel, spendete Schatten und sorgte für ein angenehmes Klima.

    Ja, wir alle wollen saubere Luft atmen, sauberes Wasser trinken und am liebsten direkt hinaus ins Grüne schauen. Aber sobald es „Arbeit“, oder wohl noch häufiger Angst macht, entfernt man es doch besser. Ein Bewusstsein für natürliche Zusammenhänge scheint es dabei nicht zu geben. Wir müssen wohl tatsächlich zuerst „den letzten Baum gefällt, den letzten Fisch gefangen und das letzte Grün zubetoniert haben“, bevor wir beginnen „Danke“ zu sagen für jeden einzelnen Baum, der stehengelassen wurde und letztendlich ein wesentlicher Teil davon ist, dass wir Menschen ein lebenswertes Leben führen können.

    1. Ein realistischer, gesunder Klimaaktivist ist jener, der das gewachsene Grün vor seiner Haustür und in seinem nahen Umfeld bewahrt, nicht irgendwo in der weite der Welt danach sucht…oder sich auf Zebrastreifen klebt…
      – den Wert dessen erkennt was unmittelbar da ist, lebt und einen wesentlichen Beitrag für unser Klima leistet.
      Die Bäume in unseren Gärten.

      Kehren wir lieber erst die Blätter vor unserer eigenen Haustür…

  2. Liebe Magdalena,
    Bei meinen Nachbarn wurde auch eine wunderschöne Tanne gefällt, genau aus dem selben Grund. Ich war so außer mir, dass ich den Holzfäller einen Baummörder nannte. Der Baum hatte in meinem Garten seine Samen deponiert, so wachsen wenigstens seine Nachkommen bei mir. Nach deinen Zeilen kam gerade wieder eine Trauer hoch.
    Ich kann dich gut verstehen, hab auch schon mit einigen Leuten darüber diskutiert. Ich wünsche dir viel Kraft,
    Alles Liebe Gabriela

    1. Liebe Gabriela!

      Gerade in den ländlichen Regionen zählt ein Baum oft weniger als eine versiegelte Fläche. Obwohl der Baumschutz in den Städten oft fragwürdige Auflagen hat, wirkt er doch dem willkürlichen Fällen entgegen.

      Zum Glück hast du Raum für “ Nachkommen“.

      Lg.
      Nani

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