Mensch und Pflanze – Leben für die Ewigkeit

Frangipani Blüte-Tempelbaum

Die Zeit um Samhain, Halloween und Allerheiligen ist eine Zeit des Gedenkens an unsere Ahnen, an jene, die vor uns waren. Gleichzeitig geht ein Jahr zu Ende. Viele vergangene Tage liegen hinter uns. Sie haben das Jahr alt werden und die Vegetation reifen lassen. Was im Frühling begonnen hat, ist durch viele Monate gegangen, hat geblüht, Früchte getragen, sich verändert und kommt nun an einen Wendepunkt.

Wo komme ich her und wo gehe ich hin?

Auch hinter jedem von uns stehen unzählige Menschen, die vor uns gelebt haben. Menschen, ohne die es uns nicht gäbe. Wir kommen in eine Welt, die längst begonnen hat. Wir übernehmen etwas, wachsen in etwas hinein und werden selbst Teil dessen, was nach uns kommt.

Keiner beginnt bei sich selbst.

Gerade diese Zeit ist deshalb eine gute Gelegenheit, über Alter, Sterben und Tod nachzudenken. Und darüber, wie unterschiedlich wir Menschen, im Gegensatz zu den Pflanzen, damit umgehen.

Denn während das Altwerden in unserer Gesellschaft oft als Verlust betrachtet wird und wir uns an einer Vorstellung von ewiger Jugend orientieren, zeigt die Pflanzenwelt etwas anderes. Altern ist dort nicht einfach ein Umstand, den es möglichst lange hinauszuzögern gilt. Mit dem Alter entstehen andere Qualitäten und andere Möglichkeiten.

Ein alter Baum ist nicht einfach ein junger Baum mit weniger Kraft.

Er hat etwas, das nur durch Zeit entstehen konnte. Seine Krone hat sich verändert, Äste sind abgestorben, sein Stamm kann Höhlungen und abgestorbene Bereiche aufweisen. Gerade dadurch kann er für andere Lebewesen wertvoll werden. In seinen Höhlen finden Vögel und Insekten Lebensraum, Totholz wird von Pilzen und anderen Organismen besiedelt. Was für den Baum Teil seines Alterns ist, wird für anderes Leben zur Lebensgrundlage.

Muss etwas lebendig sein, um noch Bedeutung zu haben?

Ein abgestorbener Ast ist nicht einfach verschwunden. Ein toter Baum kann noch über viele Jahre Bestandteil eines lebendigen Ökosystems sein. Sein Holz wird zersetzt, seine Bestandteile gelangen zurück in den Boden. Aus dem, was einmal lebende Substanz war, entsteht wieder etwas, das anderes Leben ernähren kann.

Das Vergangene wird zum Nährboden für das Kommende.

Auch innerhalb eines lebenden Baumes geschieht ständig etwas, das unserer Vorstellung vom Sterben widerspricht. Pflanzen verlieren Gewebe, bauen es ab und gewinnen daraus Nährstoffe zurück. Bei der Seneszenz (Alterungsprozess) werden wertvolle Stoffe aus alternden Blättern in andere Pflanzenteile verlagert. Das Blatt wird nicht einfach wertlos. Bevor es fällt, zieht die Pflanze zurück, was sie noch verwenden kann.

Sterben bedeutet hier nicht einfach Verlust. Es ist auch Rückgabe.

Eine Verletzung muss für einen Baum nicht bedeuten, dass er zu seinem ursprünglichen Zustand zurückkehrt. Aber der Bildung von Wundholz, Kallusgewebe (Wundverschlussgewebe) und neuen Strukturen reagiert er auf die Verletzung. Er wächst mit ihr weiter.

Auch kranke oder abgestorbene Bereiche werden nicht einfach ignoriert. Mit der sogenannten Kompartimentierung kann ein Baum geschädigte Bereiche gegenüber dem gesunden Holz abgrenzen und so die Ausbreitung der Zersetzung begrenzen. Das Leben schützt dabei das Lebendige, indem es Grenzen setzt.

Und dann gibt es Bäume, die im Alter ihre Krone zurücknehmen. Äußere, nicht mehr ausreichend versorgte Bereiche sterben ab, während sich im Inneren kleinere Wachstumsstrukturen entwickeln können. In der Baumpflege spricht man vom altersbedingten Rückzug der Krone. Gesundschrumpfen.

Der Baum wird kleiner – und kann gerade dadurch weiterleben.

Das Altern ist kein Weniger-, sondern ein anderes Werden.

Bei Pflanzen ist überhaupt fraglich, was wir eigentlich meinen, wenn wir von einem einzelnen Lebewesen sprechen. Eine Pflanze kann sich durch Stockteilung vermehren. Aus einem bestehenden Pflanzenstock entstehen mehrere neue Pflanzen. Andere bilden Ausläufer, die zunächst mit der Mutterpflanze verbunden sind und später selbstständig weiterwachsen. Die einzelne Pflanze, die wir sehen, ist dann nur ein Teil des Ganzen.

Eine Agave z. B. stirbt nach der Blüte ab, während bereits neue Pflanzen entstanden sind. Ein alter Olivenbaum kann in Teilen hohl und abgestorben sein und dennoch aus seinem alten Rinden- und Wurzelbereich neu austreiben.

Was stirbt hier eigentlich?

Die einzelne individuelle Gestalt – aber nicht das Leben, das sich in anderer Form fortsetzt?

Nach einem Feuer zeigen bestimmte Pflanzen erstaunliche Strategien. Sie treiben aus geschützten Knospen wieder aus oder bilden Samen, deren Keimung erst durch Hitze ausgelöst wird. Und dort, wo nach einem Feuer oder auf nacktem Lavagestein zunächst kaum etwas wachsen kann, beginnen Pionierpflanzen. Sie besiedeln den kargen Untergrund, sterben wieder ab und tragen gemeinsam mit anderen Organismen dazu bei, dass organische Substanz entsteht und sich allmählich neue Lebensbedingungen für andere Pflanzen entwickeln.

Das sind keine Bilder für den Tod. Es sind reale biologische Prozesse.

Wir Menschen versuchen häufig, das Altern möglichst lange aufzuhalten. Wir wollen jung bleiben, leistungsfähig, unabhängig und kontrollierend. Die moderne Medizin kann dabei Großartiges leisten: Sie heilt, lindert Leiden und erhält Leben. Und doch kann der Tod dort, wo Heilung nicht mehr möglich ist, leicht wie eine Niederlage oder ein medizinisches Versagen erscheinen.

Denn mit dem Tod endet auch unsere Kontrolle.

Was bleibt von mir?

Was hinterlasse ich?

Was kann ich mitnehmen?

Was geschieht mit dem, was ich aufgebaut habe?

Die Ahnen, die hinter uns stehen, sind dabei nicht nur eine Reihe von Namen. Sie reichen durch Körper, Sprache, Wissen, Erfahrungen, Beziehungen und Orte bis in unser eigenes Leben. Wir leben von Bedingungen, die andere geschaffen haben.

Und auch das, was wir hinterlassen, muss nicht an eigene Kinder gebunden sein. Wir geben weiter durch Wissen, Fürsorge, Arbeit, Gedanken und Beziehungen. Durch einen Garten, den wir gepflegt und erhalten haben. Durch einen Baum, den wir gepflanzt haben. Durch einen Weg, den wir für jemanden erleichtert haben. Durch etwas, das ein anderer Mensch aufnimmt und weiterträgt.

Der Tod muss deshalb nicht schöngefunden werden, um anders auf ihn schauen zu können. Ein Mensch, der stirbt, fehlt. Ein Abschied bleibt ein Abschied. Und trotzdem endet mit einer Form nicht zwangsläufig alles, was durch sie entstanden ist.

Was will ICH dieser Welt hinterlassen?

Wie auch immer die Antwort darauf sein mag – am Ende unseres Weges sollte jeden von uns ein Gefühl von Dankbarkeit begleiten.

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