Der Sommer war lang, heiß und trocken. Trotzdem, wenn ich jetzt in meinem alten Glashaus sitze, weil es draußen regnet und kühl ist, kommt er mir wieder viel zu kurz vor. Eine leise Wehmut ist schon auch immer dabei, wenn herbstliches, nass-kühles Wetter sich langsam einstellt.
Die Regentropfen, die erst nur ein leises Klopfen am Glashausdach waren, werden jetzt zu einem rhythmischen Trommeln. Sieht ganz so aus, als würde der Regen doch etwas ergiebiger werden, als es in den letzten Wochen der Fall war. Denn heuer bin ich schon etwas müde. Das viele Gießen, das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein schien, war ungewohnt zeitaufwendig.
Auch wenn vieles in einem kleinen Zeitrahmen betrachtet wie ein Übermaß erscheint, verändert sich die Wahrnehmung, wenn man das Zeitfenster weiter öffnet. Was zunächst wie eine einseitige Entwicklung oder ein Extrem erscheint, zeigt sich dann oft als Teil einer Bewegung, in der ein Gegenpol entsteht und sich die anfängliche Polarität wieder ausgleicht. Würden wir darauf vertrauen, dass alles in Bewegung bleibt und sich immer wieder relativiert, dann wäre unser Leben viel entspannter und annehmbarer.
Mein Gott, worüber habe ich mich nicht schon alles aufgeregt, und was hat sich dadurch an der aktuellen Situation im Endeffekt viel geändert?
Hier in meinem Glashaus fühle ich mich zuhause. Es gibt wirklich nicht vieles, das sich für mich so anfühlt. Eines der frühesten unbehaglichen Gefühle, an die ich mich erinnern kann, ist ein unbestimmtes Heimweh oder eine Sehnsucht nach Dazugehörigkeit. Etwas, das so bleibt, wie es ist, und so ist, wie man es kennt. Geborgenheit, Sicherheit, Beständigkeit sowie gehört und verstanden zu werden – alles Dinge, die da mit hineinspielen.
Der Walnussbaum und ein Gefühl von Heimeligkeit
Walnussbäume strahlen genau dieses in ihrer Art aus. Wann immer ich sie sehe, ihren herben Duft rieche, ihre trockenen Blätter unter meinen Sohlen rascheln höre, habe ich dieses Gefühl von Heimeligkeit und Geborgenheit.
Der Baum wächst immer dort, wo es Menschen gibt. Er lebt in unseren Gärten, am Feldrand oder auf aufgelassenen Grundstücken. Jeder Bauernhof hat oder hatte seinen Walnussbaum im Hof. Und auch in meinem Garten steht ein sehr altes Exemplar.
Schon in meiner Kindheit habe ich freudig und erwartungsvoll auf seine Nüsse gewartet, sogar für ein Baumhaus musste er herhalten. Als Jugendliche bot er mir einen sicheren Schatten, unter dem ich unzählige kleine Töpfe für die Baumschule, die es schon lange nicht mehr gibt, gefüllt habe. In den letzten Jahren zog sogar ein Eichhörnchen bei ihm ein, und im Frühjahr finde ich immer wieder seine versteckten Nüsse im Garten. Manchmal entsteht daraus auch der eine oder andere aufgehende junge Nussbaum.
Unter seinen Kronen soll es keine lästigen Insekten geben, was ich nur teilweise bestätigen kann. Denn die heurige Gelsenplage im Garten, wo sich die Quälgeister weder an Tageszeit noch Wetter hielten, war auch unter meinem alten Baum spürbar.
Die Krähen sammeln jetzt um diese Jahreszeit ebenso eifrig seine Nüsse. Sie fliegen damit zur naheliegenden Straße und lassen diese aus großer Höhe auf den Asphalt fallen, um an den begehrten Inhalt zu kommen. Am ganzen Baum wird gehackt, gesammelt und freudig genascht.
Nüsse, Wetter und Volkswissen
Auch im alten Volkswissen spielte der Nussbaum eine Rolle. Rund um die heranreifenden Nüsse gab es eigene Wetterregeln. So heißt es über den 29. August: „Regen an Johannis Enthauptung verdirbt alle Nüsse.“ Und in der Steiermark galt eine reiche Nussernte sogar als gutes Zeichen für das kommende Jahr: „Viele Nüsse – viele Buben.“
Ein treuer Kulturbegleiter seit 9.000 Jahren
Die Walnuss begleitet den Menschen seit mehr als 9.000 Jahren.
Juglans regia, wie er botanisch heißt, hat seine ursprüngliche Heimat in den sonnigen Bergregionen Mittelasiens. Von dort gelangte er über die griechische Antike nach Europa. Die Römer widmeten ihn ihrem höchsten Gott Jupiter, daher auch sein Name; Juglans leitet sich von Jovis glans ab – der „Eichel des Jupiter“, und regia heißt nichts anderes als „königlich“.
Auch die Bezeichnung „Walnuss“ erzählt von dieser Reise. Sie geht auf den alten Begriff „Welsche Nuss“ zurück, also auf die Nuss, die aus den Gebieten der Welschen, der romanischen Nachbarn, zu uns kam.
In der antiken Naturphilosophie galt der Walnussbaum als Symbol für Fruchtbarkeit und den menschlichen Geist. Besonders die Gestalt seiner Frucht fand Beachtung. Der Kern erinnert in seiner Form an das menschliche Gehirn. In der historischen Signaturenlehre wurde diese Ähnlichkeit als Hinweis auf eine Beziehung zum menschlichen Denken und Verstand gesehen. Also unter anderem dem Merkur zugeordnet.
Die Dreiteilung der Frucht wurde sinnbildlich gedeutet: die grüne äußere Hülle, die harte Schale und der darin verborgene Kern. Im christlichen Mittelalter stand die äußere Hülle für das vergängliche Fleisch, die harte Schale für die schützende Hülle und die Prüfungen des Lebens und der verborgene Kern für die unsterbliche Seele.
Vom Färben, Heilen und Genießen
Aber der Baum war natürlich nicht nur Gegenstand von Symbolik und Betrachtung. Seine Blätter wurden vielseitig genutzt. Sie sind reich an Gerb- und Bitterstoffen und fanden in der traditionellen Pflanzenkunde Verwendung, etwa bei Hautreizungen oder zur Pflege des Zahnfleisches.
Auch die grünen Nussschalen und die Blätter wurden als natürliche Färbemittel verwendet. Wolle, Leinen und Haare konnten damit in warme, tiefe Brauntöne gefärbt werden. Und die braunen Finger nach dem Sammeln und Öffnen der Nüsse kennen wohl viele noch aus ihrer Kindheit.
Vor allem aber waren und sind seine Nüsse eine wichtige Nahrungsquelle. Sie werden direkt gegessen, zum Backen und für Süßspeisen verwendet und zu wertvollem Walnussöl verarbeitet. Röstet man die Nüsse vor dem Verzehr, werden sie noch bekömmlicher und geben Kraft und Energie. Ich persönlich verbinde die Walnuss besonders mit köstlichen Nussecken und der Nusspotize meiner Oma, die es zu jeder Jahreszeit gab. Auch heute finden wir die Walnuss in der Küche nicht nur in Kuchen, sondern auch als Walnusslikör und Nussschnaps.
Sein Holz wiederum ist wegen seiner dunklen, ausdrucksvollen Maserung besonders begehrt und wird seit Jahrhunderten für Möbel und andere hochwertige Arbeiten verwendet.
Der Gärtner weiß, dass der Nussbaum nicht gerne geschnitten wird. Muss er doch einmal zum Frisör, dann am besten im Sommer, damit die Schnittwunden noch gut verheilen können und das Risiko eines Pilzbefalls geringer ist. Totholz und seine dürren Äste wirft er jedoch kontinuierlich selbst ab.
Die Alten und der alte Baum
Die Alten im Dorf haben gerne beim großen Nussbaum gesessen und die Welt und das Treiben um sich herum unter dem schützenden Dach dieses Kulturbegleiters beobachtet. Nusszweige über dem Haustor sollen ja auch vor Blitz schützen – und wurden wegen ihrer schweren Brennbarkeit gerade deshalb im Dorfverband gepflanzt.
Wo sonst kann das Heimkommen schöner sein als unter den schützenden Zweigen des Walnussbaumes?
Der Hausbaum, ein Walnussbaum
„Am Hügel liegt das Bauernhaus
und schaut blitzblank ins Land hinaus.
Daneben steht mit Stamm und Kron’,
der Nussbaum wie ein Schutzpatron.
Er war schon da als ich nicht war.Noch ist nicht alles feil um Geld,
der Baum wird steh’n, bis Gott ihn fällt.“(Verfasser unbekannt)
Ein Gedanke zu „Zuhause unter dem Walnussbaum“
…wunderbar…wundervoll…warm…wohlig wird’…
So viele mit „w'“ lässt sich in mir gerade beobachten und spüren.
Dieser Dein Walnussbaum Text ist wahrlich ein Geschenk für den Übergang von Sommer in den Herbst, für die Schwelle vom Süden in den Westen.
Herzlichen Dank für dieses begleitende Geschenk durch Dich Nani