Freitag, 20. Februar.
Seit fünf Uhr morgens bin ich im Garten unterwegs. Über Nacht brachte ein Tief sehr viel schweren, nassen Schnee. Ein Blick aus dem Fenster zu so früher Stunde ließ mich kurz den Atem anhalten. Schwer hängen die Äste meiner alten Bäume, und so manch ein Strauch oder kleinerer Baum liegt, vom nassen Schnee gänzlich niedergedrückt, am Boden.
Begleitet vom ersten Licht des Morgens stapfe ich durch den verschneiten Garten, schüttle die zum Brechen belasteten Äste ab und befreie den einen oder anderen Strauch. Teils liegen bereits gebrochene Teile am Boden, oder abgedrehte Äste hängen bizarr wie leblose Arme herab.
Meine Papyrus Birke hat einen ihrer drei Stämme verloren: dieser liegt nun beim Nachbarn im Feld. Auch der Küstenmammutbaum, auf den ich so stolz war, weil er in unseren Breiten nicht winterfest ist, bei mir aber aufgrund seines geschützten Standorts über 50 Winter überdauert hatte, hat sein Ende gefunden. Ausgestreckt liegt er im Garten.
Zypressen und Wacholder leiden ebenso. Zwei umgedrückte Wacholder konnte ich jedoch wieder aufrichten. Die weichen Äste der Zypressen zeigen eine besorgniserregende Biegung. Ich hoffe, sie halten durch und richten sich wieder auf.
Selbst der Blumenhartriegel wurde, trotz seines harten Holzes, von den Schneemassen überrascht und ist in der Mitte abgebrochen. Ich wünsche mir innigst, dass das, was von ihm übrig ist, weiterlebt. Zwei Schirmtannen zählen ebenfalls zu den Opfern, sie liegen wie der Mammutbaum und können nicht mehr aufgerichtet werden. Der Garten gleicht einem Schlachtfeld. Unter den Magnolien liegen viele ihrer Äste, die Bäume haben an Volumen und Schönheit eingebüßt.
Als Gärtner und Gartenhüter blutet einem das Herz angesichts der Wucht der Zerstörung. Es bedeutet einmal mehr: aufräumen, verarzten und dort, wo es nicht anders geht, abtragen und zusammenschneiden.
Direkt über mir höre ich ein Knacken … die Zierbirne bricht. Ein Drittel ihrer struppigen Krone stürzt mit Wucht neben mir zu Boden. Auch sie muss Ballast abwerfen, um Schlimmeres zu verhindern.
Das Loslassen wird nicht nur von uns Menschen sondern auch von den Pflanzen gefordert. Alles, was zu üppig, zu groß oder zu viel geworden ist, erhält den Impuls zur Regulierung. Die Zeit mag Wunden heilen und aus Bruchstellen neue Verzweigungen entstehen lassen. Wo gar ein ganzer Wipfel gebrochen ist, verändert sich das Erscheinungsbild der Pflanze. Doch meist bildet sich ein neuer Leittrieb, der wieder nach oben strebt und den Habitus so gut wie möglich neu formt.
Gerade bei alten Bäumen kommt es häufig vor, dass Äste durch Umwelteinflüsse abbrechen oder abgeworfen werden. Das verjüngt sie, verringert ihre Last und wirkt einem vollständigen Umsturz entgegen.
Es ist ein Gesundschrumpfen. Die Natur kennt dabei kein Erbarmen.
Dennoch tut es mir leid, dass einige meiner Pflanzenkinder zu Fall gebracht wurden. Sie hinterlassen an ihrem einstigen Platz eine spürbare Leere und Stille, auch wenn der kommende Frühling dem Garten wieder ein neues, üppiges Erscheinen geben wird.
Ich nehme das Namensschild von einem Ast des am Boden liegenden Mammutbaumes und hebe es auf. Vielleicht pflanze ich einen neuen, obwohl ich diesen nicht mehr 50 Jahre begleiten kann wie seinen Vorgänger.
Als Gartenhüter lernt man, der Natur und ihrem Willen zu verzeihen, auch wenn man ihre zerstörerische Kraft nicht willkommen heißt. Zuversicht und Vertrauen in die Weisheit der Schöpfung bleiben. Das gefallene Holz findet seinen Weg auf die Drechselbank oder in den Ofen.
Nichts geht verloren, es nimmt nur eine andere Form an.