Philosophie

Asgard und der Weg durch den hermetischen Vulkan

Da gab es mal, oder gibt es sie noch immer, tief unter der Erdoberfläche die Innere Welt oder Unterwelt, und die äußere Ober- oder Lichte Welt, so wie wir sie kennen. Die Grenze zu beiden Welten bildete die Erdkruste, darunter befand sich das Reich Uranos. Er war ein sehr launischer und unberechenbarer Zeitgenosse.

Die Bewohner der Lichten Welt kannten ihn  vom Hörensagen der Alten. Sie wussten, dass sie Höhlen, tiefe Schluchten und schwarze Gewässer meiden sollten, um nicht versehentlich in diese dunkle Welt zu kommen.
Auch bei Schwarzmond, heftigen Gewittern und bei speziellen Planetenkonstellationen blieben sie in ihren Behausungen und verriegelten die Türen, denn dann war das Öffnen der Weltentür besonders begünstigt. Es geschah immer wieder, dass nichts ahnende Tiere darin verschwanden.
Ein kleines Übel das als Opfergabe verstanden wurde. Die Bewohner selber aber, hielten sich mit Bedacht an diese Einschränkungen.

Nur die alten Weisen suchten manchmal bei Hungersnöten oder Epidemien den Kontakt dieser Unterwelt, um Rat und Hilfe zu bekommen. Sie mussten aber auf den Tod schwören, Stillschweigen über das Geheimnis des Retourweges aus dieser Welt heraus halten. Denn, wenn jemand unabsichtlich in dieses Reich der Unterwelt gelangte, gab es kein Zurück mehr. Ohne die Hilfe Uranos, fand keiner zurück aus dieser Tiefe.

Es gibt jedoch eine Geschichte, die heute noch erzählt wird, wo ein Junge den Weg zurückgefunden haben will. Sein Name war Asgard.

Es war ein sonniger Tag, Asgard, der Sohn des Dorfschmiedes war unterwegs zum Erzstollen. Sein Vater benötigte neues Gestein.
Der junge Mann hatte den Weg dorthin schon oft gemacht, kannte die Geschichten über die Unterwelt und wusste über die möglichen Gefahren Bescheid. Doch bei Tage und strahlendem Sonnenschein wie an jenem Tag war, war die Gefahr gleich null.
Mit einer Fackel in der Hand, kletterte er in den Stollen, füllte seinen Korb und machte sich schwer beladen auf den Weg zurück ans Tageslicht.
Aber irgendwie wollte der Ausgang des Stollens an jenem Tag einfach nicht näher kommen. Die Last schmerzte seinem Rücken und ließ ihn immer müder werden. Die Fackel war bereits abgebrannt und schon längst sollte er  wieder das Tageslicht am Ende des Stollens sehen können.
Aber dem war nicht so. Die Dunkelheit umgab Asgard, seine Kehle brannte vor Durst. Die Beine waren schwer wie Blei, er musste einfach innehalten und rasten. So setzte er sich auf den Boden, an die Wand des Stollens gelehnt, lauschte er in die Stille der Finsternis. Dabei vernahm er ein Geräusch von tropfendem Wasser. War da wirklich Wasser? Er beschloss seinen Korb dort liegen zu lassen, und dem Geräusch zu folgen.
Aus Tropfen wurden ein Plätschern, aus Plätschern ein Rauschen. Schon konnte er die Oberfläche des Wassers glitzern sehen. Da war ein Bach, vielmehr ein Fluss oder ein See. Niedergekniet schöpfte er immer wieder Wasser und trank. Zu spät bemerkte er den salzigen Geschmack. Er spuckte und hustete, setzte sich zurück und erinnerte sich an die Erzählungen im Dorf: Es sollte sich ein großer Ozean in der Unterwelt befinden, das Reich Neptuns. Dem Gott der Meere.

Ungläubig blickte er um sich, und dabei sah er Sie. Eine junge und hübsche Frau, ganz in Weiß gekleidet, stand sie auf einem weit entfernten Strand. Ihr Kleid reichte in das Meer hinein, sie schien eins mit der Gischt der Wellen zu sein.
Er konnte ihren herrlichen Gesang hören, und irgendwie war die Dunkelheit einer Dämmerung gewichen. Sie lächelte ihn an, Asgard wusste nicht, wie ihm geschah. Verlegen blickte er zur Seite und das, was er dann zu sehen bekam, ließ seine Glieder vor Schreck erstarren.

Unglaubliche Kreaturen entstiegen diesem Ozean. Niemand hatte ja solche Lebewesen gesehen. Unvorstellbare Variationen von Fratzen und Gestalten, Mehrarmige, Einbeinige, Vieläugige, Krumme, Zwerge und Riesenwüchsige. Um nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen, richtete er den Blick zum anderen Strand, dort wo die Schaumgeborene  stand. Er wusste, was er zu tun hatte. Von Angst und Panik gepackt, zögerte er keine Sekunde länger und sprang  in den Ozean.
Asgard versuchte mit kräftigen Armbewegungen zum weit entfernten Strand  der jungen Frau zu schwimmen. Irgendeine Kraft im tiefen Wasser zerrte ihn an seinen Beinen nach unten. Die eben noch ruhige See wurde plötzlich von hohen Wellen und gefährlichen, mächtigen Strudeln durchzogen. Asgard heftete den Blick auf die junge Frau in der Ferne und kämpfte sich durch das alles verzehrende Wasser.
Doch dann nahm ihm eine Wand aus Wasser die Sicht, eine riesengroße Welle rollte auf ihn zu. Schon konnte er den Sog spüren. der ihn immer näher an sie heran zog. Und dann ward es dunkel.

Als er die Augen wieder öffnete, glaubte er im Jenseits zu sein. Ein engelhaftes Gesicht, und Augen die in allen Regenbogenfarben schimmerten, blickten ihn besorgt an. Er lag in einem weißen Schoß gebettet. Es war die Schaumgeborene.
Asgard erkannte sie nicht wieder, er verstand auch nicht, was sie zu ihm sagt, noch wusste er, was geschehen war. Alles, jegliche Erinnerung hatte er verloren. Selbst sein eigenes Ich kannte er nicht mehr. Alles war ausgelöscht, verloren im Ozean des Vergessens.

Die Schaumgeborene gab ihm einen Trank, und damit fiel er in einen rauschartigen Schlaf. Er konnte sich dabei selbst aufstehen, und langsam, mit wackeligen Beinen in einen Tunnel stolpern sehen. Am Ende dieses Tunnels war ein rotes pulsierendes Licht zu erkennen, und ein gleichmäßiges Pochen erfüllte den gesamten Raum. Auch sein Herz begann in diesem Rhythmus zu schlagen. Am Ende musste er innehalten, denn vor ihm tat sich ein tiefer, mächtiger Schlund auf, aus dem all diese Kraft seinen Ursprung fand. Es war das Zentrum der Erde, das Herz Pluto, der Mittelpunkt der Welt.

Die Sehnsucht seines eigenen Herzens dorthin heimzukehren und sich darin aufzulösen war so stark, dass es nur mehr diesen einen Wunsch der Verschmelzung zu erfüllen galt. Und so war es das einzig Richtige, was Asgard, der nicht mehr Asgard war, tun konnte. Er sprang mit voller Überzeugung und Hingabe in diesen Abgrund und verlor sich in der Tiefe dieses Herzens.

Als er irgendwann seine Augen wieder öffnete, musste er mehrmals blinzeln. Regentropfen die auf sein Gesicht  und den struppigen Bart gefallen waren, holten sein Bewusstsein zurück. Er rappelte sich auf und  langes Haar bedeckte seine Schultern.
Wie lange hatte er geschlafen? Und welch seltsamer Traum!
Er blickte sich um und fand sich vor dem Eingang des Stollens wieder. Langsam nahm er seinen Korb mit den Erzen und machte sich, alt und gebeugt auf den Weg zurück in sein Dorf.

Viele Male musste er seine Geschichte,  seinen Traum, erzählen. Wer sollte diesem alten Greis glauben? Vor vielen Jahren war er als Junge verschwunden, und nun will er, der alte Asgard, aus der Unterwelt zurückgekommen sein?
Es dauerte nicht lange, und Menschen kamen von weit her, um seinen Erzählungen zu lauschen. Das Leuchten in seinen Augen spiegelte die Wahrheit seiner Worte wieder. Er hatte den inneren Ozean des Vergessens und dessen Gefahren überwunden, stand vor dem Abgrund seiner Seele und hatte in das Herz der Welt geblickt. Überwältigt von dieser Anziehung hatte er sich selbst aufgegeben und sprang mutig in die Tiefe, um wieder neu zu erwachen. Was für eine Reise!

Diese Geschichte beschreibt, zwischen den Zeilen gelesen, einen spagyrischen Verarbeitungsweg. Dabei wird über die sulphurische Farbe, durch Veraschung und Calzination, das fixe Sal Sulphuris ausgearbeitet. Der Weg führt durch den philosophischen Vulkan, wobei auch die Pfauenfeder sichtbar wird. Siehe Beitragsbild.

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